Ernährungs Tipps

Ernährung Etikettenschwindel bei Lebensmitteln

„100 Prozent Natur“, „ohne Zusatzstoffe“ – auf Lebensmittelpackungen werden vollmundige Versprechen gemacht. Doch ein kritischer Blick auf die Zutatenlisten ist wichtig.

Supermarkt
  

Wenn wir mit offenen Augen durch den Supermarkt gehen, scheint kaum ein Produkt ohne Zusatzbotschaft auszukommen. Versprochen wird „100 Prozent Natur“, „ohne Geschmacksverstärker“, „voller Geschmack ohne Zusatzstoffe“ oder „kein künstliches Aroma“. Auf rund 2000 Lebensmitteln kleben die unterschiedlichsten Etiketten. So bedient die Nahrungsmittelindustrie gleich zwei dringende Wünsche der Verbraucher: nach mehr Information und mehr Natur. Doch ein Anhaltspunkt für Qualität ist so ein Aufdruck selten. 

Der Label-Wildwuchs grassiert

„Die meisten Slogans und Siegel denken sich die Hersteller aus. Dadurch sind sie beliebig und lediglich geschickte Werbeinstrumente“, so der Agrarökonom Prof. Achim Spiller von der Universität Göttingen, der als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik das Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz berät. Im vergangenen Herbst legte das Gremium Ministerin Ilse Aigner ein Gutachten vor, in dem es den grassierenden Label-Wildwuchs bemängelt, gesetzliche Rahmen für eine bessere Kennzeichnung fordert und wenige, unterscheidbare Kern-Label vorschlägt. Bis daraus Konsequenzen erwachsen, wird aber wohl noch einige Zeit vergehen.
Doch der Druck auf die Hersteller wächst. „Diverse Lebensmittelskandale haben die Verbraucher gewarnt, sie sind kritischer und interessierter als vor zehn Jahren. Das ist ein sehr positiver Trend“, sagt Prof. Spiller. Die Kunden fragen häufiger nach, was drinsteckt im Essen, wo es herkommt und wie es produziert wird. Längst können Interessierte mithilfe von Apps die Strichcodes von verarbeiteten Lebensmitteln scannen und direkt im Supermarkt deren „innere Werte“ auf ihr Smartphone laden (mehr Informationen zu den Apps auf www.codecheck.info). Unbestritten ist, dass es einen Graubereich zwischen klarer Produktgestaltung und eindeutiger Irreführung gibt. „Die in Mode gekommenen Label wie ,ohne künstliche Aromen‘ machen rechtlich keine falsche Aussage, gaukeln aber eine Qualität vor, die nichts mit der Realität zu tun hat“, bemängelt Christiane Groß, Sprecherin des gemeinnützigen Vereins foodwatch.

Etiketten bei Lebensmitteln

Etiketten können lügen wie gedruckt

Zum Beispiel werben Tütensuppen mit dem Hinweis „ohne Geschmacksverstärker“ – unter den Zutaten findet sich aber Hefeextrakt. Kirschjoghurt „ohne Farbstoffe“ wird mit Rote-Bete-Pulver gefärbt. Und auf der Packung groß abgebildete Früchte treten oft höchstens als Aroma auf. Logisch, dass Konsumenten sich verschaukelt fühlen. Doch solche Umschreibungen sind völlig legal.
„Im Lebensmittelrecht gilt zwar ein Verbot der Täuschung. Aber die konkrete Ausgestaltung der Regelungen lässt der Industrie viele Schlupflöcher“, kritisiert Groß. Dass die Blenderei System hat, zeigte ein Marktcheck der Verbraucherzentralen: Sie untersuchten 151 Produkte mit imagefördernden Botschaften. Der Abgleich mit den Zutatenlisten ergab allein in der Kategorie „ohne Geschmacksverstärker“ in 92 Prozent der Fälle Trickserei. „Einige Zusatzstoffe werden gern gegen unverdächtigen Ersatz mit ähnlicher Wirkung ausgetauscht, quasi als deklarations freundliche Alternative“, sagt Nora Dittrich von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Was sich aber tatsächlich hinter welcher Bezeichnung verbirgt, das können Verbraucher ohne Kenntnisse in Lebensmittelchemie kaum entschlüsseln.
Umso wichtiger wären klare Richtlinien. „Wir wollen erreichen, dass Verbraucher alle Informationen bekommen, um Inhalt und Qualität eines Produktes beurteilen zu können. Davon abzuweichen, würde nur jenen in die Hände spielen, die partout nicht mehr Transparenz wollen. Die Hersteller-Lobby ist mächtig, man denke nur an das Scheitern der Lebensmittel-Ampel“, sagt foodwatch-Sprecherin Groß. Sind wir selbst an der Misere schuld, weil lange Zeit das Motto „Hauptsache billig“ galt? Ein bisschen. Doch in den letzten Jahren hat ein Wertewandel eingesetzt. „Wenn sie Qualitätsunterschiede erkennen können, sind viele Verbraucher auch bereit, mehr zu bezahlen“, betont Groß. „Zum Beispiel ist der Absatz der Eier von Käfighühnern massiv eingebrochen, seit auf dem Karton die Haltungsform angegeben werden muss.“

Es bewegt sich doch etwas
Es geht auch anders, das zeigt das Beispiel Frosta. Nach einem selbst verordneten Reinheitsgebot veränderte der Tiefkühlkosthersteller 2003 alle Rezepturen und Produktionsprozesse, setzt seitdem auf gute Zutaten statt auf Zusatzstoffe. Nach anfänglichen Einbußen stieg Frosta zum Branchenprimus auf, Qualität und Transparenz werden von den Kunden honoriert.

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