Erkrankungen

Eigeninitiative Jenseits des Schweigens

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Max, 14 Jahre alt, leidet an Autismus

Wenn das Leben einem ein Bein stellt, gibt es zwei Mög­lichkeiten: in stiller Verzweif­lung liegen bleiben – oder aufstehen, den Staub abklopfen und weiter­ gehen. Wer nur zwei Minuten mit Doreen Kröber, 44, spricht, weiß: Diese Frau gehört definitiv nicht zu den Liegenbleibern. Pragmatisch, geradeaus, erstaunlich selbst­ mitleidslos trifft es schon eher. Die Berlinerin hat einen Sohn: Max, 14 Jahre alt, leidet an Autismus. 2012 wird er schwer krank, hat große Schmerzen.

Ich bin aber nicht der Typ, der schimpft. Ich mache

Die späten Eltern
Doch wie groß diese sind, ob und wie die verab­ reichten Medikamente wirken – Max kann es nicht ausdrücken. „Wenn er krank ist“, sagt seine Mutter, „spricht er auch mit mir nicht.“ Doreen Kröber sucht nach einer App für ihr Handy, mit der sie und Max kommunizieren können, findet jedoch nichts, was sie zufriedenstellt. Einer dieser Momente, in denen die Versuchung groß ist, durchzudrehen. „Ich bin aber nicht der Typ, der schimpft. Ich mache“, sagt Kröber. Und sie macht: Wenn es etwas dringend Benötigtes nicht gibt, muss sie es eben selbst erfinden. Kein Geld, kein Plan, aber ganz viel Herzblut: Auf Twitter sucht sie jemanden, der ihr das Programmieren beibringt: „Bin klug und lerne schnell.“ Ein ehrgeiziges Vorhaben, wie selbst jemand wie Kröber, die sich schulpolitisch engagiert und das „Netzwerk Förderkinder“ grün­dete, schnell einsehen muss. Stattdessen findet sie einen Menschen, der bereit ist, diesen Job ohne Bezahlung zu übernehmen. Via Internet akquiriert sie im Laufe der Zeit ein Team aus dem gesamten Bundes­ gebiet.

Gutes entsteht aus einem Herzensge­fühl heraus

Alle arbeiten gemeinnützig. Kröber selbst investiert viel Zeit in die Entstehung. „Wenn Max in der Schule war oder schlief, saß ich am Laptop. Meistens im Schlaf­anzug“, sagt die Alleinerziehende. Auch Max ist Teil des Teams, testet die verschie­denen Entwicklungsstadien der App, ändert z. B die Bildunterschriften. „Er war unser schärfster Kritiker“, erinnert sich die gelernte Sozialpädagogin. „Der Program­mierer wurde fast wahnsinnig.“ Am 6. Dezember 2013 ist es dann soweit: Die „LetMeTalk“­App wird nach andert­ halbjähriger Arbeit veröffentlicht und allein in den ersten fünf Monaten 5000 Mal heruntergeladen – ein beachtlicher Erfolg für ein Nischenprodukt. Mittlerweile gibt es die App in acht Sprachen. „Gutes entsteht aus einem Herzensge­fühl heraus“, sagt Doreen Kröber. Jeder müsste sich eigentlich ein Projekt suchen, um die Welt ein bisschen besser zu ma­chen: „Mit der einsamen Oma spazieren gehen, sich in der Schule kümmern, egal was. Stattdessen wird sich lieber be­schwert.“ Sie selbst hätte allen Grund es zu tun: Auch wenn es ihr nie um Geld ging – Stress gab es dann doch. „Wir haben keinerlei Verträge gemacht. Beim nächsten Mal passiert mir das nicht mehr“, sagt Kröber. Und dass es ein nächstes Mal gibt, ist sehr wahrscheinlich: Sie habe da bereits eine neue Idee für eine App, so Doreen Kröber. Diesmal aber würde sie sie selbst bauen. Wir glauben es ihr aufs Wort.

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