Ratgeber

Verena Carl Kolumne Kompetente Ärzte

Verena Carl Kolumne

Wenn man glücklich verheiratet ist, kommt es nicht mehr so häufig vor, dass fremde Männer einen am nackten Oberschenkel berühren. Und wenn doch, hat es nicht mehr den gleichen Kitzel wie früher.

Mein letztes Mal war im Mai. Ich stand im Slip auf einem Plastikhocker. Der Mann trug eine grüne Haube, malte mit einem blauen Edding Kreuze auf die Innenseite meines Beines – und konnte sich vor Begeisterung kaum einkriegen. Nicht über mein schönes Bein, sondern über die Venen, die man auf dem Ultraschallmonitor sah. Weniger schön. „Guck mal, Schwester Kirsten, sämtliche Perforanten sind insuffizient.“ Und: „Ououou, wenn da morgen bei der OP was schiefgeht!“ Irgendwann mischte ich mich in das Fachgespräch ein. Weil ich wissen wollte, was er mit „Perforanten“ meinte. Mit „schiefgehen“. Und vor allem mit „ououou“. Der Herr Gefäßchirurg blickte verwirrt hoch. Wo kam plötzlich diese Stimme her?

Diese Episode brachte mich zum Nachdenken. Der Mann da unten war mit Sicherheit nicht der ganzheitliche Wohlfühlmediziner, von dem diskriminierte Kassenpatientinnen träumen. Aber genau der Richtige für meine ausgeleierten Blutgefäße. Was einen guten Arzt ausmacht, hängt eben vom Fachgebiet ab. Manchmal braucht man einen begnadeten Bastler und Tüftler. Einen, der schon als Kind seine Puppen in Einzelteile zerlegt und später erfolgreich wiederbelebt hat. Chirurgen sind so. Und gute Zahnärzte. Meiner würde jede Playstation links liegen lassen für dies schicke Programm, das Keramikfüllungen passend zurechtschneidet. Gemeinsam starren wir fasziniert auf den Computer monitor und schweigen.

Ganz anders wünsche ich mir einen Gynäkologen. Am besten gefällt mir ein väterlicher Typ, der mir das Gefühl gibt, alles sei in Ordnung. Selbst wenn es das mal nicht ist. Auch der Kinderarzt meines Vertrauens ist so einer, mit Tendenz zum Klassenclown. Für dessen Entertainer-Qualitäten harre ich klaglos zwei Stunden mit einem fiebernden Kleinkind neben der Dinosaurier- Rutsche im Wartezimmer aus. Schlimmstenfalls fühlt man sich nicht ernst genommen, wenn der Doktor mit einer Windel auf dem Kopf nach dem Stethoskop greift. Sein Gegenpart ist der Spaßbefreite. Er (oder sie) zuckt unangenehm berührt zusammen, falls dem Patienten eine Bemerkung über das Wetter herausrutscht. Er sagt nur das absolut Unvermeidbare. Und das auf Latein. Aber auch ein solcher Mediziner kann genau der Richtige sein. Vor allem in Situationen, in denen Small Talk ohnehin schwierig wäre, zum Beispiel bei beginnender Vollnarkose.

Dann kenne ich noch die Experimentierfreudigen. Ich sage nur: mein Hausarzt. Wenn ich von dem Nasentropfen möchte, kriege ich fünf Termine für Eigenblutbehandlung, die Telefonnummer eines Homöopathen, eines Osteopathen und eine niederländische Versandadresse für Mistelextrakt. Immer ein Abenteuer. Und oft ein verblüffender Erfolg.

Übrigens: Der Gefäßchirurg mit dem blauen Edding blieb nicht so mundfaul. Nach zwei Stunden OP in örtlicher Betäubung wusste ich so einiges über ihn, zum Beispiel, in welchem Sezierkurs er seine Frau kennengelernt hat. Darf ich aber nicht verraten. Der Bastelnachmittag ging ohne jedes Ououou zu Ende. Das Ergebnis gefällt mir: Mein Bein ist krampfaderfrei und schöner als je zuvor. Sagt mein Mann.

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Schlagworte
Gesund | Ratgeber
Autor
Verena Carl