Liebe & Beziehung

lesen Bücher recyceln im "Berliner Büchertisch"

Bücher Wald

Ausgerechnet hier. „Es passierte am helllichten Tag. Keiner der Mitarbeiter bekam es mit. Sehr unangenehm“, sagt Ana Lichtwer. Ihre Handtasche wurde geklaut. Dabei soll die Buchhandlung ein sozialer Ort sein: Wer zu viele Bücher zu Hause hat, kann sie hier abgeben. Und wer sich neuen Lesestoff nicht leisten kann, bekommt ihn hier für wenig Geld oder sogar geschenkt. Das ist die Idee des Vereins „Berliner Büchertisch“, den Ana Lichtwer vor neun Jahren gegründet hat. Trotz des Diebstahls bleibt die 46-Jährige beneidenswert gelassen. „Es gibt Wichtigeres“, sagt sie. „Ich lerne daraus, dass sich ein paar Abläufe im Laden ändern müssen.“ Sogar als ein Feuer 2007 20 000 Bücher vernichtete, versuchte sie positiv zu denken. Immerhin ermöglichte das Geld der Versicherung dem Verein die Renovierung.

Lesen verleiht Kraft

Macht ihre Biografie sie so besonnen? Vielleicht. „Ich begreife das meiste im Leben als Geschenk“, sagt Ana Lichtwer. In den 70-er-Jahren kam sie als Gastarbeiterkind aus dem armen Serbien ins reiche Deutschland. Nach Bielefeld, auf eine Schule, wo sie kein Wort verstand. Bücher halfen ihr, die neue Sprache zu lernen. Trotzdem fühlte sie sich lange heimatlos. Sie heiratete, wurde Mutter – und suchte „ihren“ Platz zum Leben: Serbien, Frankreich, Mexiko, Kuba, Afrika. Am Ende wurde es doch Deutschland. Berlin. Sie hat Publizistik, Slawistik und VWL studiert, arbeitete mehrere Jahre in verschiedenen Firmen. Doch das war nicht das, was sie wollte. Sie träumte von einem sozialen Projekt, das sich selbst trägt, bat andere Hilfsorganisationen um Rat.

Bücher sind teure Güter

Ohne Fördermittel? Skepsis und Misstrauen schlugen ihr entgegen.

Fürs Lesen begeistern

AUSGEZEICHNET
Am 26. Oktober 2012 wurde der „Berliner Büchertisch“ (Tel. 0 30/61 20 99 96, www.buechertisch.org) mit der Bezirksmedaille Friedrichshain-Kreuzberg geehrt.

Trotzdem machte Ana Lichtwer weiter, suchte nach einer Geschäftsidee und stand am Ende zu Hause vor ihren vollen Bücherregalen. Kurzerhand begann sie, die Werke im Internet zu verkaufen. Das klappte so gut, dass schon bald die nächste Idee folgte. „Es musste auch andere geben, die ihre Bücher loswerden wollen und für eine gute Sache hergeben“, erzählt Lichtwer. Sie hatte recht. Überall in der Hauptstadt durfte sie Bücherspenden abholen – der Grundstein für den „Berliner Büchertisch“. Mehr als 40 000 gebrauchte Werke wurden inzwischen katalogisiert. 2005 eröffnete der Verein den ersten, 2011 den zweiten Laden.

Lesen verbindet Menschen

Bis zu 1000 Bücher holt der „Büchertisch“ täglich ab. 40 Menschen fanden so einen Arbeitsplatz. Bezahlt werden sie mit den Einnahmen, die der Verein in den Läden und seinem Onlineshop erwirtschaftet. Dort können Kunden auch neue Bücher ordern. „Wie bei den Branchenriesen“, sagt Ana Lichtwer. „Mit einem Unterschied: Wer bei uns bestellt, unterstützt die Gemeinschaft.“ Denn das Geld fließt in die Leseförderung an Schulen, in Veranstaltungen und erlaubt es, viele Bücher zu verschenken. „Ich wollte schon lange Literatur für alle zugänglich machen“, erklärt Lichtwer. Sie hat es geschafft. Nicht allein, wie sie betont. Ganz unterschiedliche Menschen kommen durch den „Büchertisch“ in Kontakt – Arbeitslose, Rentner, Schüler, Autoren, Vorstandsvorsitzende. So einen Ort hat sich Ana Lichtwer immer vorgestellt.

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