Liebe & Beziehung

Die Super-Grannys

Meine Kinder haben zwei Grossmütter und drei Großväter. Das hört sich viel an, aber damit liegen sie, verglichen mit ihren Kindergarten- und Krabbelgruppenkumpanen, eher im unteren Durchschnitt. Die Spitzenreiter unter den Windelträgern kommen nämlich glatt auf das Doppelte.

Denn was man bei der Diskussion über neue Familienformen leicht vergisst: Nicht etwa die heutige Jungelterngeneration hat den Patchwork-Trend erfunden. Schon ihre sexuell befreiten Mütter und Väter verteilten ihre Liebe gerne auf mehrere Lebensabschnittspartner. Wenn sich also deutlich mehr als vier gerührte Senioren am Taufbecken drängeln, im Schweinsgalopp einen Laufrad-Anfänger verfolgen oder beim Kindertheater Szenenapplaus spenden, ist das kein biologisches Wunder, sondern der soziale Normalfall: Dann haben sich eben die leiblichen Großeltern mit neuen Partnern zusammengetan. Dazu kommt: Je mehr die Lebenserwartung steigt, desto unwahrscheinlicher wird es für kleine Kinder, dass sie Opa auf dem Friedhof besuchen müssen. Dafür steigen die Chancen, dass sie auf Omas dritter Traumhochzeit Blumen streuen dürfen.

Wenn der Nachwuchs immer weniger wird und dabei die Zahl der verwöhnwilligen Omas und Opas exponentiell ansteigt, entsteht eine ganz neue Nachfragemacht. Angeheiratete oder -gepartnerte Oldies sind nämlich meistens ganz besonders bestrebt, die überraschend doch noch zugelaufenen Enkel mit Ballettschläppchen und Barbie-Wohnmobilen auszustatten. Oder sonntags durch Spaßbäder zu tingeln. Was meinen Sie, welcher unserer drei Opas meinem Sohn (fünf Monate) am liebsten jetzt schon eine Dauerkarte fürs HSV-Stadion besorgen würde? Genau: Es ist nicht der biologische.

Und noch ein Patchwork-Phänomen greift immer mehr um sich: Manchmal ist Opas Neue mindestens so jung wie die Kindsmutter, wenn nicht noch jünger. Dieser Typ jugendliche Bonus-Oma ist zwar meistens weniger spendabel, was „Bobby Cars“ oder Spielkonsolen betrifft. Aber dafür schenkt sie vielleicht einem Spielkameraden für das Stief-Enkelchen das Leben. Wenn schon Geschwister und Cousins immer seltener werden, kann das großstädtische Einzelkind dann immerhin mit seinem drei Monate jüngeren Halbonkel um die Wette krabbeln.

So schön das alles für den Nachwuchs ist, so problematisch kann die Patchwork- Sippe für Mütter und Väter werden. Nicht nur aus Zeit- und Platzgründen (wohin mit all den Omas und Opas beim Kindergeburtstag?), auch in diplomatischer Hinsicht. Denn im unausgesprochenen „Deutschland sucht die Super-Granny“-Wettbewerb möchte schließlich jedes Patchwork-Paar als Sieger hervorgehen. Da erwähnt Mama besser nicht, dass die Tochter lieber mit Omi und Hans-Jürgen im Kleingarten spielt, als mit Großpapa und Chantal in die Kinderoper zu gehen.

Vielleicht sollte man mal grundsätzlich über neue Formen des Zusammenlebens nachdenken. In eigenen Patchwork-Siedlungen, die lose um eine zentrale Kindervilla gruppiert sind. Das wäre mal ein zukunftweisendes Projekt. Denn in 30 Jahren werden die Kleinen nicht nur 8 Omas und Opas haben. Sondern bis zu 32 Urgroßeltern. Rechnen Sie das ruhig mal nach!

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Schlagworte
Beziehungen | Charakter | Psyche | Familie | Gefühle | Glück | Kinder | Kolumne | Psychologie | Verhalten
Autor
Verena Carl