Liebe & Beziehung

Sexualität Flaute im Bett

Wie oft? Wie lange? Geht’s um Sex, macht sich schnell Unsicherheit breit. Vermeintliche Normen erzeugen Druck. Doch die Flaute im Bett kann auch ein Warnsignal sein. Gehen Sie mit dem Experten-Guide von Vital auf Spurensuche.
  

Kennen Sie doch: „Die Bier, die so schön hat geprickelt in mein Bauchnabel.“ Natürlich wissen wir: Produkte, die in einem erregenden erotischen Umfeld präsentiert werden, bleiben besser im Gedächtnis haften. Kurz: „Sex sells“ (engl.: Sex verkauft). Wir wissen auch, dass ein komplettes Filmteam drumherumsteht, wenn die Darsteller gespielt lustvoll die Laken zerwühlen. Und dass jeder Plakat-Busen am Computer aufgepeppt wird – auch keine Neuigkeit.

Genau diese tägliche Überflutung mit erotischen Reizen trägt vermutlich einen wichtigen Teil dazu bei, dass vier von zehn Frauen in Studien und Umfragen von sexueller Lustlosigkeit, Orgasmus-Problemen oder kaum vorhandener Erregbarkeit berichten. Davon ist die Berliner Diplom-Psychologin Berit Brockhausen, 51, überzeugt. „Wenn von allen Seiten die Botschaft kommt, dass häufiger Sex zu einer unverklemmten Persönlichkeit gehört, schafft das eine neue gesellschaftliche Norm“, erklärt die Expertin. „Und die übt massiven Druck auf unser Begehren aus.“ Je öfter Paare – das Problem betrifft Frauen und Männer gleichermaßen – mit dieser neuen Norm konfrontiert werden, desto schwerer fällt es ihnen, sie nicht mit ins Bett zu nehmen. So entstehen Leistungsdruck und unrealistische Erwartungen – die denkbar schlechtesten Voraussetzungen für ein erfülltes Liebesleben.

Dabei sind Lustflauten völlig normal und noch lange kein Hinweis auf eine gestörte Beziehung oder gar ein krankes Ich. Unser Begehren unterliegt den gleichen Tagesschwankungen wie unser Appetit. Der weibliche Zyklus schreibt weitere Hochs und Tiefs in die Lustkurve. Stress im Job, Geldsorgen, ein heftiger Streit, kranke Kinder, gebrechliche Eltern, ein irritierender Anruf der besten Freundin, Schlafmangel – manchmal ist auf der Matratze eben kein Platz mehr für unbändiges Verlangen. Auch das ist so normal wie die Tatsache, dass ein Paar nach 20 Ehejahren anders und wahrscheinlich seltener miteinander schläft als frisch Verliebte. „Das bedeutet jedoch nicht, dass man sein Sexualleben mit 50 plus ad acta legen muss“, sagt Sexualmediziner Dr. Michael Berner von der Rhein-Jura-Klinik in Bäd Säckingen.

Natürlich kann Lustlosigkeit in einigen Fällen tatsächlich ein Warnsignal sein – als Symptom einer ganz anderen psychischen oder körperlichen Erkrankung. Falls Sie also schon länger sexmüde sind, kann ein Check-up beim Arzt Aufklärung bringen. Aber gehen Sie doch zuerst mal mit unserem Experten-Guide auf Spurensuche. Diplom-Psychologin Berit Brockhausen, Paartherapeutin aus Berlin, und  Dr. Michael Berner, Ärztlicher Direktor der Rhein-Jura-Klinik, nennen die häufigsten „Lustkiller“

Der neu Job stresst mich total. Will ich deshalb im Bett nur schlafen?
Dr. Michael Berner:
„Das ist sehr gut möglich. Denn Ihr Körper braucht jetzt seine ganze Energie für andere Dinge. Unter Stress versetzt er sich gewissermaßen in Kampfbereitschaft. Das sogenannte sympathische Nervensystem läuft bei Ihnen momentan auf Hochtouren, die Stresshormone Noradrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet, Muskeln und Gehirn reichlich mit Blut versorgt. Keine gute Zeit für Erotik. Dazu muss erst Ihr parasympathisches Nervensystem wieder anspringen.“

Vital-Tipp: Nutzen Sie die Effekte der Aromatherapie, um abzuschalten. Ätherisches Rosen- oder Jasminöl (Apotheke) wirkt entspannend und aphrodisierend. Sie können es entweder in einer Duftlampe verdampfen oder Ihren Partner bitten, Ihnen mit dem Öl den unteren Rücken zu massieren – das verstärkt den Wohlfühl-Effekt noch. Ätherisches Süßgras- oder Vetiveröl stimuliert zusätzlich den Unterleib.

Buch-Tipps

„lntimität und Verlangen: Sexuelle Leidenschaft wieder wecken“ von David Schnarch, Klett-Cotta, 487 Seiten, 29,95 Euro

„Der Lustk(n)ick“ von Birgit Frohn u.a., Ullstein, 256 Seiten, 7,95 Euro

„Lust und Liebe: Erfüllter Sex ein Liebesleben lang“ von Tracey Cox, Dorling Kindersley, 192 Seiten, 16,95 Euro

„Yoga für die Hormon-Balance“ von Angelika Neumann und Anna Trökes, GU, 80 Seiten, 16,99 Euro (inkl. Übungs-CD)

„Wenn Paare älter werden: Die Liebe neu entdecken“ von Hans Jellouschek, Herder, 160 Seiten, 9,95 Euro

Ist es möglich, dass wir sexmüde sind, weil ich meinen Mann zu häufig abgewiesen habe?
Berit Brockhausen:
„Intimität dient nicht nur der Triebbefriedigung, sie ist auch Ausdruck von Liebe und Verbundenheit zweier Menschen. Es verletzt, abgewiesen zu werden. Männer können aber genauso aus ganz anderen Gründen ihre Lust verlieren. Das ist kein Drama. Beim Essen ist es doch schließlich auch so, dass alle unterschiedlich schnell Hunger bekommen – und trotzdem gemeinsam am Tisch sitzen. Dieses entspannte Herangehen geht manchen Paaren beim Thema Sex leider verloren.“

Vital-Tipp: Wer abgewiesen wird, ist verletzt – und weist selbst oft beim nächsten Mal den anderen ab. Eine tückische Lustfalle. Da hilft nur ein offenes Gespräch: Betrachten Sie sich als Verbündete – vermeiden Sie Vorwürfe. Sie wollen doch beide den Sex (wieder) genießen. Dazu müssen Sie wissen, was der andere möchte, bislang vermisst oder nicht mehr will. Schaffen Sie zusätzlich Nähe-Inseln. Gehen Sie zum Beispiel mal wieder gemeinsam tanzen, ins Konzert oder ins Kino. Probieren Sie doch außerdem einfach mal, ob sich Ihre Lust nicht durch „harmlose“ Berührungen oder ausgiebige Streicheleinheiten wecken lässt.

Ich bin jetzt Ende 40. Spielt das Alter bei meiner Lustlosigkeit eine Rolle?
Dr. Michael Berner:
„Obwohl das Alter Spuren hinterlässt, müssen Sie Ihr Sexualleben auch mit 50 oder 60 nicht ad acta legen. Fakt ist, dass der weibliche Körper in und nach den Wechseljahren weniger Lusthormone produziert. Die Schleimhaut in der Scheide verliert an Elastizität und Dicke. Es kann daher länger dauern, bis sie feucht wird. Feuchtcremes oder Gleit-Gele helfen dann. Frauen, die zusätzlich stark unter Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen und Schlafstörungen leiden, kann eine Hormonersatztherapie helfen. Mussten Eierstöcke oder Gebärmutter entfernt werden, setzt das der Lust extrem zu. Spezielle verschreibungspflichtige Hormonpflaster bringen sie zurück.“ 

Vital-Tipp: Ausdauersport (z. B. Nordic Walking) hebt den Hormonpegel, regt die Durchblutung der Geschlechtsorgane an, macht gute Laune und – Lust auf mehr. Mit gezieltem Hormon-Yoga lassen sich Wechseljahresbeschwerden lindern. Beispiel Hitzewallungen: bequem und aufrecht mit gekreuzten Beinen hinsetzen, Zunge zu einem Röhrchen formen, so weit herausstrecken, dass die Spitze aus dem Mund schaut. Ruhig durch die Röhre einatmen, hinfühlen, wie angenehm kühl die eingeatmete Luft ist. Zunge wieder einziehen, Mund schließen, ausatmen. Eine Minute lang wiederholen.

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