Liebe & Beziehung

Beziehung Ich bin nicht so wie du, Mama

Wir und unsere Mütter: Keine andere Beziehung prägt uns so tief und birgt so viel Streitpotenzial. Wir müssen sie vom Sockel stoßen, um erwachsen zu werden. Zugleich brauchen wir sie als sicheren Hafen. Schwierig für beide Seiten. Drei Töchter und zwei Mütter erzählen, wie sie am Ende doch zueinandergefunden haben.
Mutter-Tochter-Beziehung
       

Ich wollte nie so werden wie meine Mutter.“ Diesen Satz haben wir wohl alle schon mal gesagt oder gedacht. Um früher oder später im Stillen hinzuzufügen: „Und bin es dann doch geworden …“ Ohne Frage: Unsere erste und wohl wichtigste Beziehung ist die zu unserer Mutter. Und offensichtlich brauchen wir – irgendwann im Leben – Abstand voneinander. Vielleicht, weil wir schon vor der Geburt mit ihr durch ihren Alltag schaukeln, mit ihr unsere ersten Erfahrungen mit der Welt machen. Sie ist der Spiegel unserer Gefühle und Bedürfnisse. Dabei schafft es kaum eine Mutter, ihrer Tochter alles recht zu machen. Ob sie sich sorgt oder gelassen bleibt, lobt oder kritisiert, berät oder sich
zurückhält, redet oder schweigt – es kommt der Augenblick, wo alles zu viel, alles zu wenig ist. Viele Töchter brechen dann mit ihrer Mutter. Für beide Seiten ein schmerzhafter Prozess, aber: Er kann heilsam sein, wenn beide spüren, wann er vorüber ist, und bereit sind für eine Versöhnung.

Unterscheide erkennen

Am Beispiel der Mutter lernen Mädchen, wie es ist, eine Frau zu sein

„Wann lernst du endlich, dass ich nicht du bin?“ Marianne Fischer, 68, erinnert sich bis heute an diesen Satz ihrer Tochter Ann-Katrin. Hingeknallt, als diese in der Pubertät war. Wie ein Schlag in die Magengrube. Heute ist Ann-Katrin Lorenzen 39 Jahre alt, hat selbst zwei Kinder. Manchmal, wenn ihr Sohn Felix,5, morgens wieder am Frühstückstisch muffelt, will sie ihm am liebsten sagen: „Sei doch wie ich – fröhlich!“ Aber dann denkt sie: Felix ist eben Felix. Er ist nicht sie. Genau das hätte sie sich damals von ihrer Mutter gewünscht: mehr Sinn für Unterschiede. „Und? Hast du es mittlerweile gelernt?“, fragt die Tochter augenzwinkernd. „Immer noch nicht“, gibt Marianne Fischer zu. Doch es steht nicht mehr zwischen ihnen.

Aus Konflikten lernen

Claudia Haarmann, Autorin und Psychotherapeutin aus Essen, hält solche Konflikte für lebensnotwendig. „Sie sind wichtig für die Entwicklung der Tochter“, erläutert sie. Am Beispiel der Mutter lernen Mädchen, wie es ist, eine erwachsene Frau, berufstätig, Hausfrau und Liebespartnerin zu sein – und eifern ihr nach. Bis sie selbst eine erwachsene Frau werden, selbstständig, eigen. Ein schwieriger Moment, vielleicht der schwierigste. „Dann müssen Töchter die Mutter vom Sockel stoßen, um ihren eigenen Weg gehen zu können“, so Haarmann. „Im Idealfall bleibt sie wie ein Hafen, in den die Tochter immer wieder zurückkommen kann.“ Im Idealfall. Annike Bergens erlebte ihn nie. Die 38-jährige konnte sich auf ihre Mutter nicht verlassen, litt unter ihren Launen. Je älter sie wurde, umso öfter musste Annike Bergens für die Mutter sorgen. Sich entfernen, um sich selbst entwickeln zu können? Fast unmöglich. Mit 14 schrieb Annike Bergens in ihr Tagebuch: „Wenn ich nur stiller werde, wird alles gut.“ Ein Satz voll Resignation, Unterordnung und Selbstaufgabe.

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