Liebe & Beziehung

Beziehung Die Kunst des Kritisierens

Wir tun es ungern. Doch wenn keiner vom anderen weiß, was stört, ändert sich nichts. Eine offene Aussprache hingegen stärkt unsere Beziehungen – und uns selbst.
Kritik annehmen und austeilen lernen
  
Der „Tatort“ am Sonntag? Langweilig. Das neue Überweisungsformular mit 22-stelliger IBAN? Nervt gewaltig. Die Hotline des Telefonanbieters? Ein Albtraum. Fühlen wir uns als Zuschauer, Bürger oder Kunde schlecht behandelt, kommt uns Kritik mühelos über die Lippen. Zumindest im Gespräch mit Freunden, Verwandten oder Kollegen, die dann meist ähnlich nörgeln. Aber: Weiß Ihre Kollegin nicht nur, dass Sie „Tatort“-Fan sind, sondern auch, dass es Sie stört, wenn sie lautstark mit ihrem Freund telefoniert? Haben Sie dem Hotline-Mitarbeiter damals direkt gesagt, dass Sie mit seiner Hilfe nicht zufrieden waren?
Kritik üben

So bleiben Sie gelassen und konstruktiv:

  • Suchen Sie nicht nach zusätzlicher „Munition“ in der Vergangenheit. Was stört Sie hier und heute?
  • Klären Sie Ihre Motive. Was wollen Sie erreichen?
  • Hinterfragen Sie Ihre Maßstäbe. Warum stört Sie das?
  • Analysieren Sie Ihre Gefühle. Welche Emotionen löst das Verhalten des anderen bei Ihnen aus? Warum?
  • Zeigen Sie Wertschätzung durch Blickkontakt. Überlegen Sie: Was mögen Sie an Ihrem Gegenüber?
  • Sagen Sie dem anderen konkret und sachlich, was Sie stört. Formulieren Sie das in Ich-Botschaften (z. B.: „Ich weiß, dass du viel Arbeit hast. Trotzdem fühle ich mich wertlos, weil du mir heute nicht gesagt hast, dass du später kommst. Mir würde es besser gehen, wenn du mir in Zukunft einfach eine SMS schickst.“).
 
Zugegeben, das waren etwas plumpe Suggestivfragen. Doch bei den meisten von uns verursacht allein die Vorstellung, je- manden zu kritisieren, einen Kloß im Hals. Sogar unsere Expertin, Diplom-Psychologin Annette Schlipphak, Vizepräsidentin des Berufsverbandes Deutscher Psychologen in Berlin, sagt von sich selbst: „Ich finde Kritik auch nicht toll und muss mich dazu aufraffen.“ Ob wir eine Standpauke halten oder aushalten, fühlt sich für unsere Psyche offenbar ziemlich ähnlich an. „Kritik lässt in unserer Gesellschaft generell den Stresspegel hochfahren“, bestätigt Annette Schlipphak. „Trotzdem ist sie für unsere Beziehungen etwas sehr Entscheidendes. Die Fähigkeit, konstruktiv mit Kritik umzugehen, hat mit Vertrauen und viel damit zu tun, ob wir uns gegenseitig Fehler ein- und zugestehen können.“
 

Auf Kritik folgt oft Lob

Daran hapert es oft. Denn früh im Leben lernen wir, Fehler tunlichst zu vermeiden. Unser Verstand weiß zwar, dass wir auf ihnen klug werden. Auf der Gefühlsebene erinnern wir uns aber vor allem an leidvolle Reaktionen auf unsere Missgeschicke: Ablehnung, Enttäuschung, Hohn, Spott. Auch eine Form von Kritik. Aber eine, die wir möglichst nicht noch mal erleben wollen. „Sicher waren nicht alle Botschaften, die wir als junger Mensch gehört haben, böse gemeint“, erläutert Annette Schlipphak. „Trotzdem hinterlassen sie Spuren. Solche negativen Erfahrungen können sich verselbstständigen. Fällt dann der Satz ‚Wir müssen mal reden‘, bekommen manche schon Herzklopfen, und ihr Blick wird starr, weil sie innerlich mit einer Strafe rechnen.“ Nicht die besten Voraussetzungen für ein Gespräch. „Hinzu kommt, dass Kritik unserem Grundbedürfnis nach sozialer Anerkennung widerspricht“, so die ehemalige Polizeipsychologin weiter. „Wir alle hören natürlich lieber, dass wir toll sind.“ Kein Wunder, dass wir das Gegenteil weder gern aussprechen noch gern vor den Latz geknallt bekommen.
 

Kritik rechtzeitig äußern

Stattdessen halten wir mit Kritik lieber so lange hinter dem Berg, bis daraus ein prall gefüllter Vulkan geworden ist, der dann ohne Vorwarnung alles vernichtende Lava spuckt. „Und in solchen Augenblicken verfestigt sich dann wieder die Angst vor Kritik“, erklärt die Expertin. Denn alle Beteiligten, Kritiker ebenso wie Kritisierter, erleben so einen Ausbruch vor allem als Kontrollverlust. Hirnscanner-Aufnahmen belegen: In ihren Köpfen findet dann eine Art Revolution von unten statt. Tieferliegende Teile des Gehirns, die zuerst in der Evolution entstanden sind und intensive Gefühle wie Wut, Angst, Verachtung oder Trauer steuern, übernehmen die Regie. Kühles Analysieren, Argumentieren oder Abwägen, Prozesse, die tatsächlich weiter oben, hinter unserer Stirn ablaufen, werden entmachtet. In diesem Zustand wird konstruktive Kritik immer schwieriger. Wir handeln impulsiv, ein Wort gibt das andere, jeder weitere Gefühlsausbruch entfesselt den nächsten. Wir schreien, beleidigen, treiben uns in die Enge – bis wir am Ende türenknallend und weinend auseinandergehen ...
 
 
Promotion
Anzeige
1 von 2
Schlagworte
Beziehungen | Home
Autor
Stephan Hillig