Liebe & Beziehung

Beziehung Sich zu engagieren tut uns allen gut

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Sich einzumischen kann ein ganzes Leben prägen. Vielleicht wäre Andrea Römmele nie Professorin für politische Partizipation und Kommunikation an der Hertie School of Governance in Berlin geworden, wäre sie damals, im sogenannten Heißen Herbst, nicht auf die Straße gegangen.

Das geteilte Deutschland zwischen 1979 und 1983. Wer heute zwischen 45 und 65 ist, braucht nur ein paar Stichworte, um sich zu erinnern: NATO-Doppelbeschluss, das Misstrauensvotum von Helmut Kohl gegen Helmut Schmidt. Angst vor einem Atomkrieg zwischen den USA und der UdSSR. Hunderttausende demonstrierten, bildeten kilometerlange Menschenketten. Raketenbasen wurden besetzt, Studenten fasteten in Kirchen für den Frieden. Gut 30 Jahre ist das her. „Mein Vater fuhr mich zu den Kundgebungen“, erinnert sich Prof. Andrea Römmele lebhaft. Sie war damals ein Teenager. „So bin ich politisiert worden.“  


Die Lust sich einzumischen

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Solche Lebensläufe verfolgt das Institut für Demokratieforschung der Universität Göttingen mit wachsendem Interesse. Bereits 2013 veröffentlichten die Forscher eine Studie mit dem Titel „Bürgerproteste in Deutschland“. Darin heißt es: „Zu erwarten ist, dass sich spätestens zwischen 2015 und 2035 Hunderttausende (...) mit dem Wissen der in den Jugendjahren reichlich gesammelten Protesterfahrungen in den öffentlichen Widerspruch begeben.“ Mit anderen Worten: Wir haben (wieder) Lust, uns einzumischen. Mehr denn je.

Denn wer damals für den Frieden auf die Straße ging, in dem schlummert noch immer das, was Experten wie Dr. Markus Steinbrecher von der Universität Mannheim – Achtung, Zungenbrecher! – „politische Wirksamkeitsüberzeugung“ nennen. Einfach ausgedrückt: Viele der heute 45- bis 65-Jährigen glauben nach wie vor fest daran, dass es sich lohnt und sie auch den oft nötigen langen Atem besitzen, Widerstand zu leisten. Und sie vertrauen darauf, dass Bürgerproteste in einer Demokratie und in Politikerköpfen etwas verändern.

„Dieses Gefühl, dass ich etwas bewirken kann, muss da sein, sonst mische ich mich eher nicht ein“, so Dr. Markus Steinbrecher. „Oder ich muss das Gefühl haben, dass ein ‚Problem‘ vor meiner Haustür passiert und mich unmittelbar ganz persönlich betrifft. Dann mischen wir uns ebenfalls ein.“ 


Wir schützen, was uns nah ist

Wer mit Christine Barthel spricht, spürt schnell, dass auf sie beides zutrifft. Seit 1974 lebt sie in der kleinen Gemeinde Am Mellensee in Brandenburg, bis zur Wende in der DDR. Ein Naturparadies, das sie sofort ins Herz schloss, als sie nach dem Studium als Lehrerin hierherzog. Als Unbekannte in den 1980er-Jahren anfingen, Müll in den idyllischen Wäldern zu entsorgen, bastelte sie mit ihren Schülern kurzerhand Plakate und eine Wandzeitung. Die Überschrift: „Erholungsort oder Müllkippe?“ In der DDR durchaus riskant.

„Nach dieser Aktion galt ich als staatsfeindlich“, erzählt Christine Barthel. „Ich wurde vorgeladen und gefragt, ob ich eine Organisation wie die Grünen im Westen gründen wolle. Da hatte ich damals schon Bammel.“ Aber die Sache verlief im Sande. Sie blieb Am Mellensee – und mischte sich weiter ein. Seit der Wende saß sie bei fast jeder Gemeinderatssitzung als Zuhörerin im Saal. Aber im Juli 2013 traute sie ihren Ohren nicht: Eine Mastanlage für 5000 Schweine sollte gebaut werden, keine 900 Meter vom See entfernt. „Das musste ich doch überall erzählen“, sagt die 64-Jährige und lacht verschmitzt. Die Bürgerinitiative „Keine Massentierhaltung am Mellensee“ war geboren.

Typisch nimby. Diese Abkürzung steht unter Forschern für not in my backyard, nicht in meinem Hinterhof, und veranschaulicht am besten, wann und warum wir zu „Wut-Bürgern“ werden: Je näher ein Missstand an uns heranrückt – physisch und psychisch –, desto eher protestieren wir dagegen. „Darunter leiden auch die etablierten Parteien“, sagt Prof. Andrea Römmele. Denn viele Parteiprogramme wirken auf immer mehr (Nicht-)Wähler zu unkonkret, emotional zu weit weg, nicht unterschiedlich genug, also alles andere als nimby. „Die Wähler verstehen eine Wahl als Auswahl, finden aber immer weniger, dass sie heutzutage wirklich eine haben.“ 


Hilfsbereitschaft steckt an

Hilfsbereitschaft
Klimawandel, Strom-Autobahnen, Genfood, Überfischung – können wir uns denn nicht über das Internet jedes Thema quasi in unseren Hinterhof holen und es so zu „unserem“ Thema machen? Ja und nein. „Das Internet ist eine gute Informationsquelle“, bestätigt Dr. Markus Steinbrecher. „Ich erreiche dort auch mehr Leute, kann auf mein Anliegen und Aktionen aufmerksam machen.“ Trotzdem: Wir entscheiden meistens nicht im Netz, ob wir uns einmischen. „Soziale Netzwerke sind wichtig, aber eher jene, in die wir offline in unserem Alltag eingebettet sind.“

„Entscheidend ist, wer uns einlädt“, bestätigt Prof. Andrea Römmele. „Sind es Menschen, denen ich bereits in anderen Zusammenhängen vertraue, steigen die Chancen, dass ich bei ihrem Engagement mitmache.“ Heißt umgekehrt: Wer noch Mitstreiter sucht, sollte zuerst Freunde, Nachbarn oder Kollegen ansprechen und diese bitten, wiederum ihre Freunde, Nachbarn und Kollegen zu fragen. Ein Schneeballsystem im besten Sinne.

Ute Holsinger, Psychotherapeutin in Siegburg bei Köln, kam zuerst mit einem Paar ins Gespräch, das zu ihr in die Praxis kam. „Da ich selbst mit einem Marokkaner verheiratet bin, berate ich vor allem Paare, die aus unterschiedlichen Kulturen kommen“, erzählt die 47-Jährige. „Und diese beiden sagten mir dann, dass sie sich für Flüchtlinge in Köln engagieren. Was sie erzählten, diese Not, hat mich sehr berührt.“ Die Mutter von zwei Töchtern wollte auch etwas tun, Kleider spenden. „Ich habe an die 20 Telefonate geführt, aber niemand in Siegburg wusste, an wen ich mich wenden sollte“, erzählt Ute Holsinger. Erst als sie im Januar mit einer Nachbarin sprach, die in der Kirche ehrenamtlich aktiv ist, ging plötzlich alles ganz schnell. Seitdem bieten Ute Holsinger und ihr Mann Mohamed Ait Hajji in einer Flüchtlingsunterkunft regelmäßig Sprechstunden an, versuchen zu organisieren, was fehlt.

Das bedeutet vor allem: telefonieren, nachhaken, sich nicht abwimmeln lassen. „Aber die Menschen in Siegburg sind sehr hilfsbereit“, sagt Ute Holsinger begeistert. „Ich muss sie nur ein bisschen aufklären. Auch die Mitarbeiter bei den Ämtern sind super. Vieles geht über den kurzen Dienstweg, weil sie persönlich engagiert sind.“ So wird gelöst, worum in Berlin und Brüssel nur zäh gerungen wird. Sich einzumischen kann eine ganze Stadt verändern. 


Gestalten, statt zu meckern

„Ja, das stimmt“, sagt Regine Müller. „Auch wenn es manchmal länger dauert, als man denkt.“ Vor 13 Jahren beschloss sie, sich dort einzumischen, wo Frauen nach wie vor eine Minderheit bilden: in der Politik. „Bei den meisten Formen des Bürgerprotests haben Frauen aufgeholt. Beim politischen Konsum, also wenn es etwa um den Kauf von fairen Produkten geht, sind sie sogar stärker vertreten“, so Dr. Markus Steinbrecher. „Aber in Parlamenten sitzen immer noch deutlich mehr Männer.“

Die Gemeinde Moosach bei München, bildete da keine Ausnahme. „Die CSU hatte die absolute Mehrheit, und keine einzige Frau saß im Gemeinderat“, erzählt Regine Müller. Dabei zogen immer mehr junge Familien nach Moosach, wünschten sich Kinderbetreuung, sichere Schulwege, Einkaufsmöglichkeiten. Doch damit stießen sie auf taube Männer-Ohren. „Deshalb haben wir vor der Kommunalwahl 2002 ‚Frauen für Moosach‘ gegründet“, erinnert sich Regine Müller, die heute die Erste Vorsitzende ist. „Zu zehnt fingen wir an. Wir wollten nicht beim Meckern stehen bleiben, sondern an der Veränderung mitwirken, Neues schaffen.“ Das ist ihnen mehr als gelungen.
 

Unsere große Chance

Christine Barthel, Ute Holsinger, Regine Müller – drei Frauen, die stellvertretend für all diejenigen stehen, die nicht tatenlos zusehen, wenn sich die Kommunen wegen knapper Kassen aus diversen Sozialprojekten ausklinken. Die skrupellosen Investoren mutig die Stirn bieten. Die den Mund aufmachen, wenn mal wieder am grünen Tisch, aber völlig am Bedarf vorbei geplant wird. Die nach Lösungen suchen, während unsere Volksvertreter das Problem erst mal an eine Expertenkommission weiterleiten.

Noch nie gab es so viele Möglichkeiten, sich einzumischen, war es einfacher, denen „da oben“ auf die Finger zu klopfen. „Und je mehr Einflussmöglichkeiten Bürger haben, desto höher liegt ihre persönliche Lebenszufriedenheit“, ermutigt Dr. Markus Steinbrecher. Nutzen wir diese Chance! Sich einzumischen macht glücklich. 

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