Liebe & Beziehung

Krankheit Zwei Schwestern gegen Brustkrebs

Brustkrebs

Es war eine fixe Idee. Und vielleicht konnte sie nur in den Köpfen von Zwillingsschwestern entstehen, die obendrein beide Journalistinnen sind. „Wir wollten einen Roman schreiben, über Zwillinge, von denen nur einer überlebt hat“, erinnert sich Renate Müller, und ihre sonst so ausdrucksvollen Augen sehen plötzlich leer aus. Aber die beiden Schwestern, die heute in Frankfurt am Main und in München leben, eröffneten dann doch lieber gemeinsam eine Kneipe in Würzburg – sie ahnten nicht, dass aus ihrer Romanidee Jahre später fast grausame Realität geworden wäre.

Zum Gespräch treffen wir uns in einem Café in Würzburg an einem sommerlichen Freitag Anfang Juli. Es ist so ein Tag, an dem der Cappuccino mit Milchschaum und süßen Amaretti der Auftakt sein könnte zu einem entspannten Nachmittag. Das Leben genießen, Spaß haben – genau das war über viele Jahre das Motto von Renate und Ingrid. Doch dann begann für die beiden attraktiven Frauen, die so viele Gesten teilen, die sich oft scheinbar wortlos verstehen, ohne Vorwarnung eine neue Zeitrechnung. Und niemand konnte ihnen sagen, ob in Jahren, Monaten oder nur Wochen gezählt wurde.

Beide waren nie ernsthaft krank und kennen keinen Krebsfall in der Familie
Mittwoch, der 3. September 2008. Renate sitzt mit ihrer Schwester Ingrid in einem Besprechungsraum in einer Klinik in Frankfurt am Main. Die Ärztin,
 die vor ihnen sitzt, wählt ihre Worte sorgfältig. „Es ist nicht gut“, sagt sie. „Es“ ist zwei Zentimeter und vier Millimeter groß, trägt einen sperrigen Namen und hat bereits zwei Lymphknoten in der Achsel befallen. Renate hat Brustkrebs. „In diesem Moment flog mein gesamtes bisheriges Leben mit einem riesigen Knall auseinander.“

So versucht die Radioreporterin drei Jahre später in Worte zu fassen, was sich eigentlich nicht beschreiben lässt. „Ich war damals überzeugt: Jetzt muss ich sterben.“ Irgendwann taumeln die Zwillinge aus der Klinik. Renate schreit, weint. Ingrid hält sie und weint auch. Beide waren bis zu diesem Tag nie ernsthaft krank. Auch in ihrer Familie war kein einziger Brustkrebsfall aufgetreten. „Schon als Renate mir einige Wochen zuvor am Handy von dem Krebsverdacht ihrer Ärztin erzählte, habe ich mich auf den schmutzigen Boden in der Bahnhofshalle gesetzt. Ich fühlte mich wie betäubt“, erinnert sich Ingrid. Sie kann, sie will es nicht glauben.

Zwillingskrebs von Ingrid und Renate Müller

In „Zwillingskrebs“ (rororo, 288 Seiten, 11,99 Euro) schildern Ingrid und Renate Müller eindrucksvoll ihr gemeinsames Schicksal.

Fast 40 Jahre lang läuft bei den Schwestern vieles gleich: 1967 kommen sie im Abstand von zwei Minuten auf die Welt. Bis zum 10. Schuljahr gehen sie in dieselbe Klasse, bestehen am selben Tag ihre Führerscheinprüfung, studieren beide Biologie, teilen sich eine Studentenbude, einmal sogar denselben Mann. Beide entscheiden sich für eine Tätigkeit in der Medienbranche, Renate geht zum Hörfunk, Ingrid in den Onlinejournalismus. Sie arbeiten viel, rauchen stark, finden nie Zeit für Sport und bleiben kinderlos. Ausgerechnet ein Mann, ein One-Night-Stand, ertastet den Knoten in Renates rechter Brust. Bei einer Operation wird er zusammen mit den befallenen Lymphknoten vollständig entfernt. Doch die unsichtbare Verbindung, die bislang zwischen den Zwillingen bestand, bekommt durch den Krebs Risse. 

Renate ist sich nach der Operation unsicher,
 welche Chemotherapie die
 wirksamste, verträglichste für
 sie ist. Ingrid, die Macherin,
 die von nun an alles über
 Brustkrebs liest, was sie in die Hände bekommt, gibt Ratschläge, pocht auf eine Entscheidung. Sie befürchtet, dass ihre Schwester resigniert hat. „Ich fühlte mich hilflos und drängte aus Verzweiflung“, erzählt sie. „Ich wollte, dass Renate sofort mit der Therapie beginnt.“ Aber je mehr sie drängt, desto stärker schwindet das vertraute Verhältnis der Zwillingsschwestern. In einer E-Mail aus dieser Zeit schreibt Renate: „ICH habe Krebs, nicht du!“ Als ihr kurz nach Beginn der Chemotherapie die Haare ausfallen, verlieren die beiden Schwestern zum ersten Mal auch ihre äußerliche Ähnlichkeit.

Früher waren Verwechslungen lustig. Jetzt haben sie einen bitteren Beigeschmack
Mehrere Ärzte, die Ingrid bei Terminen mit Renate kennenlernt, raten ihr, sich ebenfalls untersuchen zu lassen. Zwar spielten die Gene bei Brustkrebs nur eine geringe Rolle, aber: Sie spielen eine Rolle. Ingrid befolgt den Rat, erzählt ihrer Schwester aber zunächst nichts davon. Doch dann geschieht das Unfassbare: Auch in Ingrids rechter Brust finden die Ärzte einen bösartigen Tumor – 86 Tage, nachdem bei ihrer Schwester der Krebs festgestellt wurde. Sie muss den gleichen Weg gehen.

„Als Ingrid mich damals anrief, habe ich mich gefragt: 
Wie erträgt man so etwas eigentlich noch? Wer hat sich das ausgedacht?“, erzählt Renate. Alles, was zwischen ihnen steht, wird jetzt zur Nebensache. Ingrid denkt zuerst nur an Renate: „Wer kümmert sich jetzt um sie?“ Erst danach fragt sie sich: „Und wer hilft mir?“ Ingrid überkommt panische Angst. Wird Jürgen, ihr Lebenspartner, zu ihr stehen? Nur eine Woche nach der Diagnose soll auch bei ihr die Operation durchgeführt werden. Ingrid lässt sich in derselben Klinik wie ihre Schwester behandeln. „Ach, Frau Müller, sind Sie schon wieder da?“, fragen die Krankenschwestern. In der Schule und bei gemeinsamen Auftritten fanden sie solche Verwechslungen lustig: „Wer von euch ist...?“ Jetzt haben sie einen bitteren Beigeschmack. Vielleicht muss diese Frage bald niemand mehr stellen. Die gemeinsame Buchidee scheint schrecklich real. Wie soll eine ohne die andere weiterleben? „Damals hätte ich mir wohl gewünscht, dass keine übrig bleibt“, sagt Renate und schaut hinüber zu ihrer Schwester.

Sie kämpfen um ihr Leben. Gemeinsam und doch jede für sich. Ingrid verteidigt möglichst viel ihres „alten Lebens“ gegen den Krebs. „Ich bin noch während der Strahlentherapie wieder voll in den Job eingestiegen“, erzählt sie. Andere mögen das leichtsinnig finden. „Mir gab es Stabilität.“ Als sie während der Chemotherapie eine Perücke braucht, sucht sie einen möglichst echt aussehenden Ersatz für ihre dunklen Locken. Renate dagegen wählt ein hellblondes Modell, will den Bruch mit ihrem alten Leben betonen. Sie halbiert ihr Arbeitspensum. Der Satz einer Ärztin öffnet ihr die Augen: „Wer bei mir landet, hat zu viel Stress oder eine beschissene Beziehung.“ Ihr Männerverschleiß war groß, gibt Renate offen zu. Auch das ist heute anders. Nur ein Mann sah sie seit der Operation nackt, es ist Jürgen, dem sie voll vertrauen kann.

Kein Arzt kann garantieren, dass das Krebsprogramm nicht noch mal startet
Noch drei Jahre müssen die Zwillinge Medikamente nehmen, die in ihren Körpern die Hormonproduktion drosseln. Das entzieht möglichen neuen Brustkrebszellen die Nahrung. Renate kam dadurch in die Wechseljahre, Ingrid blieb verschont. Alle drei Monate stehen Kontrolluntersuchungen an. Erst wenn beide fünf Jahre krebsfrei bleiben, gelten sie als geheilt. „Doch selbst dann gibt kein Arzt die Garantie, dass der Körper niemals wieder das Krebsprogramm startet“, sagt Renate. „Ich betrachte mich so lange als gesund – bis mir ein Arzt das Gegenteil beweist“, erwidert Ingrid. Beide schweigen einen Moment. Das Erzählte wirkt nach. „Ich weiß nicht, was geschehen wäre, wenn du den Krebs nicht auch bekommen hättest“, sagt Renate. „Das hätte uns getrennt.“ Ingrid nickt und legt wortlos den Kopf auf die Schulter ihrer Schwester.

Vital hat mit einem Experten über das Burstkrebsrisiko bei Zwillingen gesprochen. Das Interview lesen Sie hier.

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Beziehungen | Krebs