Persönlichkeit

Kolumne Einkaufen mit Nina Petri

Nutelle kaufen

Schon auf Höhe der Salatbar spürte ich die Sinnkrise kommen, und an der Wursttheke wusste ich, jeder Fluchtversuch wäre zwecklos. In der Kassenschlange hatte sie mich dann voll im Griff. Ich ließ den Blick über meinen Einkaufswagen schweifen und dachte mir: Bio-Hack und Butterkekse in Tierformen – das ist der Stoff, aus dem dein Leben besteht. Früher führte ich nach Mitternacht schon mal anzügliche Telefongespräche, heute spreche ich um diese Zeit den immer gleichen Text („Doch, man kann sehr wohl mit vier Kuschelfröschen schlafen, wenn man Nummer fünf nicht findet“). Hatte ich das wirklich so gewollt?

Aber noch ehe ich knietief in Hausfrauenverzweiflung versinken konnte, hatte das Schicksal ein Einsehen und sandte mir eine bekannte Schauspielerin, die sich an der Supermarktkasse neben mir einreihte. In ihrem Einkaufskorb lagen genau zwei Dinge: ein Glas Nutella in Großküchen-Ausmaßen und ein einzelner Pfandbon. Meine Sinnkrise machte einer tief empfundenen Dankbarkeit Platz. Vor allem, weil ich keine Promi-Kolumne in einer Zeitung mit großen Buchstaben schreibe. Sonst hätte ich sofort losrecherchieren müssen: Warum kauft die Dame so viel Nutella und sonst nix? Hat die Frau Essstörungen oder hat sie bloß Kinder? Neue Männer – und wenn ja, wie viele? Außerdem stellte ich fest: Ich hab’s ganz schön gut. Denn ich kann im Gegensatz zu Nina Petri alles in den Einkaufswagen werfen, was ich will – Prothesenreiniger, 20 Meter Wäscheleine und ein kleines scharfes Hackebeil – , ohne dass es irgendwen interessiert. Im Umkehrschluss heißt das: Auch aufregende Menschen führen bisweilen ein unaufgeregtes Leben.

Schauspieler, Designer und Schriftsteller haben eine Menge gemeinsam mit dem Scheinriesen Tur Tur aus der „Jim Knopf“-Geschichte: von Weitem imposant, larger-thanlife, von nahem eher Größe S bis M. Wenn Frau Petri mit ihrer Mutter telefoniert, dann klingt das vermutlich so: „Nix Besonderes heute, bisschen Text gelernt, dann Nutella gekauft. Komisches Muttchen neben mir in der Schlange, das in meinen Korb starrte. Immer dreister, die Fans.“ Auch Herr Pitt und Frau Jolie mit ihren Kindern führen vermutlich kein wirklich spannendes Familienleben. Bloß, dass die bunten Blätter aus jedem Ausflug in den Zoo eine Titelgeschichte konstruieren („Brangelina wieder tierisch glücklich!“).

Als ich den Supermarkt verließ, war ich wieder versöhnt mit meinem Leben. Einem turbulenten Leben eigentlich, als hätten sich Tom Tykwer, Woody Allen und Ang Lee beim Inszenieren zusammengetan: mit Drama (Frühstück – und das Knusperbrot ist alle!), spritzigen Comedy- Dialogen („Mama, woher wissen die Leute im Radio, dass sie lauter reden müssen, wenn du am Knopf drehst?“) und Romantik (ich finde es jedenfalls romantisch, wenn ein Mann auf Kurztrips Blasenpflaster mit sich trägt, falls seine Frau sich in ein Paar neue Schuhe verliebt). Schreit das nicht nach der ganz großen Kinoleinwand? Übrigens, Frau Petri: Falls Sie Interesse an der Hauptrolle haben, können wir uns gern mal treffen. Vielleicht auf ein Nutellabrötchen?

Promotion
Anzeige
Schlagworte
Charakter | Psyche | Psychologie | Verhalten
Autor
Verena Carl