Persönlichkeit

Kolumne Ich bin Griechenland

Griechenland

"Deutschland braucht den Euro nicht“, behauptet ein schnauzbärtiger Talkshow-Stammgast seit Monaten. Da kann ich nur lachen, Herr Sarrazin: Ich brauche nicht mal die D-Mark. Niemand, den ich kenne, denkt in so weltfremden Kategorien. Stattdessen hat jeder seine eigene Alltagswährung. Manche rechnen in Wellness, andere in Möbeln, einige in Sportgeräten: Eine Million Euro entspricht rund 333 Ayurvedakuren auf Sri Lanka inklusive Vollpension oder 500 Himmelbetten im Retrodesign mit samt Allergikermatratze oder 3333 21-Gang-Mountainbikes.

Privatwährungen haben unterschiedliche Größen – wie verschieden wertvolle Scheine und Münzen. Die geschätzten Baukosten der Hamburger Elbphilharmonie, derzeit rund 500 Millionen Euro, lassen sich schlecht in Wellnesswochen ausdrücken. Noch weniger in geländetauglichen Fahrrädern. Aber in frei stehenden Natursteinvillen auf Mallorca, 500 Quadratmeter Wohnfläche: etwa 165 Stück.

Die Studentenwährung

Für kleinere Beträge eignen sich die Einheiten aus der Studentenzeit. Mit 25 habe ich in CDs gerechnet („400 Mark für ein WG-Zimmer? Dafür krieg ich 33-mal die neue von R.E.M!“) oder in Bahntickets zum Supersparpreis („8-mal zu Mike nach Stuttgart und zurück“). Auch Kinder benutzen Privatwährungen. Meine Tochter münzt alles um in Puppen-Wickeltische, mein Sohn in Star-Wars-Legofigürchen. Für den Millionengewinn bei Günther Jauch könnte er sich etwa 80 000 Stück kaufen, was mich ärgert. Ich finde, so ein bisschen Plastik ist keine 12,49 Euro wert. Typische Männer - währungen sind Cabrios, Armbanduhren oder Tablet- PCs, nur mein Mann kalkuliert in Kastenbrust harnischen. So ein Ritterrüstungsteil aus dem 15. Jahr hundert kostet ohne Armschienen ab etwa 1500 Euro – oder ein Dreiunddreißigtausenddreihundertdreiunddreißigstel der Elbphilharmonie.

Sonderlich praktisch ist diese Währung nicht, aber inflationsbeständig. Manchmal wüsste ich gern, ob unser politisches Spitzenpersonal auch so tickt. „Eine halbe Milliarde für ein Konzerthaus? Pah, das ist gerade mal ein Sechstel Teilchenbeschleuniger“ (Angela Merkel, Phy sikerin, CDU). „40 Millionen für den Krippen platzausbau in Niedersachsen? Dafür könnte ich 400 000-mal zum Friseur gehen. Mit Strähnchenfärben“ (Claudia Roth, Bündnis 90/Die Grünen). Und umgekehrt: Wenn wir unsere eigenen Haushalte so anschauen, sind wir dann nicht alle ein bisschen Hamburg? Ein bisschen Griechenland?

Was kostet meine Arbeit

Ich verordne mir strenge Spardiktate, wenn ich mit den Investitionen in dekorative Baumwollschals und Romane im Hardcover übertrieben habe. Ich habe meine Notfall-Rettungsschirme (danke, Mutti!), meine Krisenkonferenzen (danke, Steuerberater!) und gelegentlich meine persönliche Elbphilharmonie. Diese Dinge, die ich mir wider jede Vernunft leiste. Und die gerade deshalb eine diebische Freude machen. Weil ich es mir wert bin. Mein Honorar für diese Kolumne beträgt (vor Steuern) übrigens etwa 30 Lego-Darth-Vader-Figürchen mit Laser - schwert. Oder ein Viertel Kastenbrustharnisch. In rund 11 000 Jahren könnte ich mir davon ein eigenes Konzerthaus leisten. Zur Eröffnung lade ich Sie herzlich ein. Richtig, das kostet Sie nichts.

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Schlagworte
Leben
Autor
Verena Carl