Persönlichkeit

Psychologie Perfektionismus

Perfektion

VITAL: Warum fällt es vielen so schwer zu sagen: „Ich mag mich so, wie ich bin“?
Dipl.-Psych. Gromberg:
Wir neigen dazu, uns ständig mit anderen zu vergleichen. Dabei schätzen wir aber weder die anderen noch uns selbst realistisch ein. Entweder machen wir uns schöner, schlauer und erfolgreicher, als wir sind, um vor anderen bestehen zu können. Oder, was häufiger vorkommt, wir werten unsere Eigenschaften ab. Während wir den Freundinnen kleine Fehler wie Unpünktlichkeit oder Ungeduld verzeihen, schaltet sich bei uns sofort der innere Monolog ein: „Wieso hast du dies oder jenes schon wieder falsch gemacht?“

Wie kann man dem inneren Kritiker den Mund verbieten?
Indem man genau das nicht tut. Man sollte sich den inneren Kritiker bewahren, er ist ein wichtiger Bestandteil unseres Selbsts und die Basis unserer Selbstreflexion. Wichtig ist, dass wir überprüfen, ob unsere Selbstkritik in jedem Fall angemessen ist, und uns mindestens genauso häufig loben wie kritisieren.

Bücher zum Weiterlesen

Stefanie Stahl: Leben kann auch einfach sein! So stärken Sie Ihr Selbstwertgefühl. Ellert & Richter Verlag, 272 Seiten, 14,95 Euro.

Marta Cullberg Weston: Auf der Suche nach dem inneren Kind. Wege zu mehr Selbstachtung. Beltz, 247 Seiten, 17,95 Euro.

Freunde bewundern unsere Kraft, der Partner unseren Charme, Kollegen unsere Zuverlässigkeit. Nur wir selbst meckern ständig an uns herum. Kann man lernen, sich zu mögen?

Ja. Indem man sich klarmacht, dass jeder Mensch Schwächen und Stärken hat. Interessant wäre es, einmal die Freunde zu fragen, welche Eigenschaften sie an einem mögen. Dann stellt man vielleicht überrascht fest, dass die vermeintlichen Schwächen wie beispielsweise Schüchternheit, Introvertiertheit oder Unsicherheit gar nicht negativ empfunden werden, sondern liebenswert wirken. Ein gutes Signal für den Selbstwert.

Trotzdem bleibt das Gefühl, die anderen machen es besser, sind schlauer, schneller, schöner.
Man sollte nie davon ausgehen, dass die Kollegen wissen, was sie tun, nur weil sie es mit mehr Selbstsicherheit vertreten. Wir vergleichen uns unbewusst immer nach oben. Entweder mit einem perfekten Ideal oder mit dem übertrieben geschönten Bild eines Freundes. Wir wollen die perfekte Figur, zu 100 Prozent Leistung abliefern und dabei auch noch glücklich sein. Wer mit solchen Idealen arbeitet, wird kaum zu der Einsicht gelangen: „Ich bin gut so, wie ich bin.“

Leidet am Ende die Lebensfreude unter unseren hohen Anforderungen?
In vielen Menschen, die Hoch- leistung und Karriere anstreben, ist der Wunsch nach Annerkennung besonders groß, aber das Talent, selbst für Lebensfreude zu sorgen, weniger ausgeprägt. Umso wichtiger ist die Frage, welche Leistung für das eigene Leben überhaupt sinnvoll ist. Wir müssen selbst entscheiden, welche Erwartungen wir erfüllen, damit wir nicht in eine Mühle geraten. Ergibt es Sinn, den Finanzplan für den Chef überpünktlich abzugeben? Und wenn ja: Können wir dafür den Sonntagsanruf bei der Schwiegermutter an den Partner delegieren?

Trifft das besonders auf Frauen zu? Sind Frauen zu streng mit sich selbst?
Ja, wenn sie einem bestimmten Bild entsprechen wollen. Nehmen wir den Kindergeburtstag. Weil die Mutter mit ihren Freundinnen mithalten will, muss die Wohnung konkurrenzfähig hergerichtet werden, müssen Gasluftballons dekorativ an der Decke hängen und der Latte macchiato für die Mütter bereitstehen. Weil die Kinder aber keine Lust auf die vorbereiteten Spiele haben und alles anders kommt als geplant, bleibt trotz perfekter Vorbereitung ein Gefühl des Misserfolgs.

Welche Folgen hat das fürs Selbstwertgefühl?
Die Gastgeberin denkt, sie hätte sich bessere Spiele ausdenken müssen. Dabei stellt sie über- triebene Anforderungen an sich selbst, die sie niemals erfüllen kann. Alle außer ihr fanden das Fest gelungen.

Wie beeinflusst das Verhalten des Partners den Selbstwert?
Ein kontinuierliches Feedback verändert den Selbstwert. Wähle ich einen Partner, der mir ein eher negatives Feedback gibt, indem er nicht lobt und nur kritisiert, lässt der Selbstwert mit der Zeit nach.

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Glück | Leben | Psychologie