Persönlichkeit

Männerklinik Männer mit Depression

Natürlich erkranken nicht nur Frauen an Depression. Doch Männer leiden anders – und brauchen deshalb eine andere Therapie. VITAL besuchte eine Spezialklinik.
Mann, Depression
     

Es kostet Überwindung. Jeden Tag stellt sich Jens Büsing vor den Spiegel und sagt diesen Satz: „Ich bin ein toller Typ.“ Stimmt er? Der 37-Jährige nickt. „Ja, so langsam glaube ich wieder daran.“ Er lächelt und blinzelt in die Sonne. Aus den uralten Bäumen ertönt das tägliche Kon- zert unzähliger Singvögel. Der große Garten der „Tagesklinik für Männer“ in Sehnde bei Hannover, die zum Klinikum Wahrendorff gehört, soll ein Ort zum Wohlfühlen sein. Jens Büsing versucht das. Stück für Stück ist sein Ich in Deutschlands erster Tagesklinik für depressive Männer wieder aufgeblüht.
„Meine Ehe auch“, erzählt der Anlagensteuerer glücklich. „Es ist fast so, als hätten wir uns gerade kennengelernt.“ Der Hobby-Kampfsportler trägt seine Haare nach hinten gekämmt und einen Dreitagebart. In seinem kurzärmeligen Hemd wirkt er voller Tatendrang. „Ich will zu Hause wieder mehr machen“, sagt er. „Das Zimmer unserer Tochter renovieren, das mache ich jetzt.“ Wie viel die Neunjährige von den Depressionen ihres Vaters mitbekommen hat, wird sich im Laufe der Zeit zeigen. „Ich habe versucht, mir vor ihr nicht so viel anmerken zu lassen“, sagt Jens Büsing. Denn wie erklärt man einer Grundschülerin, was ein – so der Klinik-Slogan - „Fachkrankenhaus für die Seele“ ist?

Das beantwortet Markus Wagner, Diplompsychologe und Therapeut in der Männer-Klinik. Er sitzt bei seinem Patienten, hält aber jenen Abstand, der ohne Worte signalisiert: Sie schaffen das allein. Der 34-Jährige strahlt Ruhe aus. Er empfiehlt den Eltern einen Vergleich: Bricht sich jemand ein Bein, bekommt er einen Gips, und jeder sieht, dass er krank ist. Bei Papa siehst du es nicht, weil seine Seele einen Verband braucht.

Der Leidensweg

Acht Jahre hat Jens Büsing allein und immer verzweifelter gegen seine Depression gekämpft. „Ein typisches Verhalten bei Männern“, wird Verhaltenstherapeut Markus Wagner später sagen. „Sich einzugestehen, ich habe ein Problem, ist die größte Hürde.“ Weil dieses Eingeständnis allem widerspricht, was die Betroffenen schon als Kinder lernen: Reiß dich zusammen!
Indianerherz kennt keinen Schmerz! Psychologen nennen das „Orientierung an Maskulinitätsnormen“. Sie führt nicht nur dazu, dass Männer viel später zum Arzt gehen als Frauen. Sie löst bei ihnen auch völlig andere Depressionssymptome aus. Fachleute wie Markus Wagner wissen das. Viele niedergelassene Ärzte dagegen suchen lange nach körperlichen Ursachen – und verzögern damit die richtige Diagnose.

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Schlagworte
Leben
Autor
Stephan Hillig