Persönlichkeit

Vorbilder Mutige Frauen

Kann ich das, darf man das? Und vor allem: Schaffe ich das? Solche Zweifel kennen viele, wenn sie mal wieder an einer Gabelung ihres Weges stehen. Vital besuchte Frauen, die beherzt Ja geantwortet und eine Entscheidung getroffen haben, die ihr Leben umkrempelte – ohne es je zu bereuen.
Gräfin Beatrice von Keyserlingk
  

Heike von Joest räumte auf dem Höhepunkt ihrer Karriere den Chefinnensessel bei einem Arbeitgeberverband
„Ich bin auf eigenen Wunsch und ohne Sicherheitsnetz in mein neues Leben gesprungen. In ein Leben ohne Reisen, ohne Fahrdienst und Sekretärin, die meine Termine koordiniert. In ein Leben ohne Einkommen, ohne die gewohnte Aufmerksamkeit der Medien und ohne die Chance, die perfekte Entscheidung zu treffen, von der 8000 Unternehmen profitieren. Drei Jahre war ich Hauptgeschäftsführerin des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall und habe die Herausforderung geliebt, ständig neue Lösungen für scheinbar unlösbare Probleme zu finden. Höher, schneller, weiter – das war mein Motto. Doch dann, mit 42 Jahren, wurde ich zum ersten Mal schwanger. Ich hatte mir immer eine Familie gewünscht und wollte auch als Mutter keine halben Sachen machen. Für mich stand sofort fest: Ich kündige und kremple mein Leben um. Heute fahre ich mit dem Fahrrad zur Arbeit – und ich verdiene nichts mehr. Denn ich arbeite ehrenamtlich für die Bürgerstiftung Berlin. Von meinen neuen Kollegen, die sich alle unbezahlt für die gute Sache einsetzen, und von meinen Kindern habe ich in den letzten drei Jahren gelernt, dass manch eine Entwicklung Zeit braucht. Und dass sich nicht alles meinem Tempo anpassen lässt. Statt anderen vorzuschreiben, was sie tun sollen, motiviere ich als Vorstandsvorsitzende heute meine Mitarbeiter täglich aufs Neue. Meine Prioritäten haben sich stark verschoben. Ich bin ruhiger und reflektierter geworden und dankbar, wenn ich einem sozial benachteiligten Menschen helfen konnte. Der Schritt ins neue Leben hat sich gelohnt.“

Gräfin Beatrice von Keyserlingk gründete nach dem Tod ihres Freundes eine Hilfsorganisation
„Dass ich mutig sei, sagen meine Freunde. Ich weiß nur, dass ich nicht aufgeben will. Als mein Freund Christian 2003 bei einem Einsatz als Kriegsreporter im Irak starb, war ich wie gelähmt. Ich konnte nichts essen und nichts trinken. Unsere geplante Hochzeit, das Kind, das wir adoptieren wollten, der Traum von einer gemeinsamen Zukunft – alles war weg. Es ist schwer, mit einem so großen Verlust klarzukommen. Aber das Leben bleibt nicht stehen. Weil Christian das nicht mehr kann, versuche ich seine Vision von einem friedlichen Leben umzusetzen. Gemeinsam mit seinen Eltern, seinem Chef, seinen Kollegen und engsten Freunden habe ich die Christian-Liebig-Stiftung e.V. ins Leben gerufen (www.christian-liebig-stiftung.de). Sie soll dort helfen, wo meine große Liebe und ich heute leben würden: in Afrika. Seit neun Jahren fliege ich regelmäßig nach Malawi. Dort haben wir 19 Grundschulen gebaut. Auf den Schulbänken sitzen hochmotivierte Kinder und pauken Schreiben, Rechnen und Fremdsprachen. Währenddessen sammeln wir Spenden, um das Schulgebäude um einen Schlafsaal für Mädchen zu erweitern. Solange die Mädchen in ärmlichen Strohhütten auf Fußmatten übernachten müssen, weil ihr Schulweg zu weit für die tägliche Heimreise wäre, begeben sie sich in Lebensgefahr. Manchmal werde ich gefragt, wie ich es schaffe, neben meinem Beruf als Goldschmiedin bis in die Abendstunden, an meinen freien Tagen und im Urlaub für die afrikanischen Kinder da zu sein. Ich will einfach der Sinnlosigkeit und Leere, die Christians Tod hinterlassen hat, etwas Gutes entgegensetzen. Weil ich selbst keine Kinder mehr bekommen habe, macht es mich umso glücklicher, den jungen Menschen von Malawi zu helfen.“

Anika Wolke

Anika Wolke

Anika Wolke kündigte ihre Festanstellung für eine Weltreise
„Meine Chefin ist aus allen Wolken gefallen, als ich meine Festanstellung gekündigt habe. Ich bin nicht die typische Aussteigerin. Im Gegenteil, ich bin immer gern ins Büro gegangen. Aber der Wunsch, zusammen mit meinem Freund eine Weltreise zu machen, wurde immer stärker. Ich wollte frei sein. Herausfinden, wie es sich ohne festen Wohnsitz lebt, ohne durchorganisierten Alltag, ohne zu wissen, wie der nächste Tag aussehen wird und wie man ihn beendet. Ich wollte fremde Kulturen kennenlernen, Neuland betreten. Also habe ich in wenigen Wochen mein halbes Leben entsorgt. Ich kündigte meine Altbauwohnung und vertickte vom Sofa bis zur Kommode alle Möbel bei Ebay. Auch mein silbernes Cabrio, das ich mir von meinem ersten selbst verdienten Geld gekauft hatte, musste dran glauben. Komischerweise fiel mir die Trennung von allem Materiellen nicht schwer. Ich fand es eher befreiend, das eigene Leben zu entrümpeln. Was nicht auf den Dachboden meiner Eltern passte, kam weg. Ein mulmiges Gefühl hatte ich erst, als ich ohne Krankenversicherung, aber mit „Round The World Ticket“ im Flugzeug saß. Ich dachte nur: Mein Gott, was tue ich hier, ich hatte doch ein echt schönes Leben? Acht Monate reisten wir beide von Land zu Land, von Kontinent zu Kontinent. Wir freundeten uns mit Einheimischen in Kambodscha an und bretterten mit einem Camper die einsame australische Nordküste entlang. Wir waren unabhängig, selbstbestimmt und glücklich. Seit vier Wochen sind wir wieder zurück und suchen dringend eine neue Wohnung. Vorerst lebe ich zwischen Kisten mit den Überbleibseln meines alten Lebens im Gästezimmer meiner Eltern. Aber das war mir die Sache wert.“

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