Persönlichkeit

Kolumne Neujahrsvorsatz nach mehr Spontanität

Silvesterparty

Die Überraschungsgäste kamen zu viert, und sie hatten sich als Biergläser verkleidet. Um kurz vor elf am Silvesterabend polterten sie mit einem lautstarken „Moin!“ in die Wohnstube unseres Ferienhäuschens auf Föhr. Dann bauten sie sich vor unserem Fondue-Set auf und sangen selbst gedichtete Partylieder. Wir schwankten zwischen Amüsement (urig, diese Inselbewohner!) und Schockstarre (was bietet man vier singenden Biergläsern an?).
Zehn Minuten später ging wieder die Tür auf, und Biene Maja und ihre Freunde summten herein. Ihre Texte drehten sich um Bienchen und Blümchen. Dabei warfen sie begehrliche Blicke auf unsere Weingläser und argwöhnische auf die lebenden Biergläser. Um fünf vor zwölf hatte mein Mann drei neue beste Kumpels. Die Frauen zeigten mir, wie man Primitivo mit Prosecco mischt („lecker, Rosé“), und klärten mich über friesische Neujahrsbräuche auf. Es wurde der perfekte Jahreswechsel: nichts geplant, kaum etwas vorbereitet, jede Menge Spaß gehabt.

Am anderen Ende der Spaß-Skala steht das total vergurkte Romantik-Silvester, das ich vor vielen Jahren mit meinem damaligen Freund feiern wollte. Dabei ließen zehn überteuerte Riesengarnelen sinnlos ihr Leben, weil wir uns schon bei der Vorspeise einen Grundsatzstreit lieferten. Ich fand, die Garnelen hätten einen schöneren Anblick verdient als einen unrasierten Kerl im Batik-Shirt. Er fand mich oberflächlich. Fazit: tagelang geplant, Konto überzogen, im neuen Jahr getrennt. Was will mir die Kolumnistin damit sagen?, höre ich Sie grummeln. Wein auf Bier, das rat ich dir? Beim nächsten Mann wird alles anders?
Nein, etwas anderes: weniger planen, mehr kommen lassen. Weniger erwarten, mehr Überraschungen zulassen. Denn was für Silvesterpartys stimmt, ist auch an den restlichen 364 Tagen des Jahres nicht falsch: Das Leben hält immer wieder hübsche Geschenke für uns bereit. Aber es macht sich einen Spaß daraus, uns an der Nase herumzuführen.
Deshalb versteckt es sie meistens an Stellen, an denen wir sie nicht vermuten. Wenn wir dagegen etwas mit allen Mitteln herstellen wollen – große Gefühle und große Kulissen –, dann ziert es sich wie ein Hollywoodstar, den man nach der Nummer seines Schönheitschirurgen fragt. Es ist wie im englischen Sprichwort: Big gifts come in small packages – große Geschenke gibt’s in kleinen Schachteln.

Die besten Feste, die lebensverändernden Begegnungen, die überwältigenden Einsichten oder die intensivsten Gespräche – sie alle kommen selten zustande, wenn wir vorher ins Day Spa gehen oder unsere Fingernägel in trendiger Schlammfarbe anpinseln. Sondern eher, weil wir an einem Dienstagabend noch schnell den Müll rausbringen und dabei dem aufregenden Bruder unserer Nachbarin über den Weg laufen.
Meinen Mann habe ich jedenfalls in einer schmuddeligen Küche kennengelernt, die besten Ideen für Romane kommen mir meistens beim Scheuern meiner Badewanne, und meine Kinder schwärmen heute noch davon, wie sie mal im Planschbecken sitzend Abendbrot essen durften. Weniger planen, mehr passieren lassen – wenn ich einen Vorsatz für das kommende Jahr habe, dann diesen. Wer Überraschungsbesuch möchte, darf die Tür nicht abschließen. Nicht einmal vor Föhrer Sängern im Bierglas- und Bienenkostüm.

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Schlagworte
Tipps | Verhalten
Autor
Verena Carl