Persönlichkeit

Geben und nehmen Das Prinzip der Gegenseitigkeit

Einer macht den Eröffnungszug, der andere muss sich revanchieren. Weil es das Prinzip der Gegenseitigkeit so will. Wie Sie sich bei Bedarf charmant aus der Affäre ziehen, erklärt VITAL-Autorin Kerstin Jähne.
Steine auf Waage
   

Kennen Sie die Reziprozitätsregel? Nein? Aber sicher das Gefühl, bei jemandem in der Schuld zu stehen. Weil er Ihnen einen Gefallen getan hat. Obwohl Sie vielleicht nicht einmal darum gebeten hatten, fühlen Sie sich doch ein bisschen zur Gegenleistung verpflichtet. Warum auch nicht? Schwierig wird es allerdings, wenn wir an Leute geraten, die aus unseren Verbundenheitsgefühlen Profit schlagen wollen.

Subtile Manipulation

Neulich im Supermarkt z. B. wollte ich mir einfach mal wieder etwas gönnen. Eine Kleinigkeit, um das Wochenende einzuläuten. Es war genau der richtige Moment für einen Schluck Wein von der Probiertheke. Im Angebot: ein trockener Riesling – natürlich gratis. Die junge Frau hinter dem Tresen führte mich so freundlich in die Weinkunde ein, dass ich mich auf der Stelle entspannte. Der herbe Tropfen tat sein Übriges. Und obwohl er mir nicht besonders schmeckte, landete eine Flasche in meinem Einkaufskorb: eine ziemlich teure Gratisprobe. Was war passiert? Die junge Dame bot mir eine Gefälligkeit „im Voraus“ an. Und schon fühlte ich mich ihr gegenüber verpflichtet. Denn schließlich gehört es sich nicht, nur zu nehmen.

Kultur des Schenkens

Man muss auch bereit sein, etwas zu geben. So besagt es die Reziprozitätsregel, mit der wir alle sozialisiert werden. Der Gedanke dahinter: Eine Gesellschaft profitiert vom Austausch, nicht von einseitiger Bereicherung. Wer nur die Hand aufhält – ohne jede Gegenleistung –, gilt schnell als Egoist, Geizhals oder Schnorrer. Bleibt die Frage: Wie hätte ich mich entziehen können? Sollte ich die Reziprozitätsregel schlichtweg ignorieren? Dann hätte ich garantiert ein schlechtes Gewissen. Oder sollte ich künftig grundsätzlich einen großen Bogen um diese Art Angebote machen? Beim nächsten Mal genieße ich wieder einen Schluck, doch anstatt die „Gratisprobe“ teuer zu erkaufen, sage ich freundlich: „Dankeschön!“, wünsche einen sonnigen Tag und freue mich über meine neu gewonnene Freiheit. Die Regel breche ich so nicht: Wie und in welchem Umfang ich mich revanchieren sollte, schreibt das Reziprozitätsprinzip nämlich nicht vor.

Promotion
Anzeige
1 von 3
Schlagworte
Psychologie | Ratgeber | Verhalten