Persönlichkeit

Verena Carl Kolumne Die richtige Begrüßung

Illustration Silke Werzinger

Heute Mittag bin ich mal wieder ins Leere gestolpert. Das lag weder am Kopfsteinpflaster noch an meinen Schuhen, sondern an einer Begegnung mit einem Exkollegen. Und an einem kleinen Rechenprogramm in meinem Kopf, das leider zu Fehleinschätzungen neigt. Wie dieser: „Holger weiß, wie du deinen Kaffee trinkst und wie du am Morgen nach einer Verlagsparty aussiehst. Du darfst den Mann jetzt küssen.“ Holgers Programm spuckte dagegen Folgendes aus: „Verena, das war doch diese Büronachbarin, die viel Milch mit wenig Kaffee trinkt und auf Firmenpartys gerne lange bleibt. Du darfst jetzt mal grüßend die Hand heben.“ Jedenfalls war da, wo ich Holgers Wange vermutete, nur Luft. Damit Sie das nicht falsch verstehen: Holger ist wirklich nur ein netter Exkollege. Gemeinsam sind wir aber Opfer einer grassierenden Unsicherheit: Wie, um Himmels willen, begrüßen sich eigentlich erwachsene Menschen im Jahr 2010?

Es gibt Situationen, in denen ist das ganz einfach. Aber sie werden weniger. Dass ich meiner Kreditberaterin oder meinem Hausarzt die Hand gebe, ist klar. Umarmt werden Partner, nahe Verwandte, gute Freunde. Auch klar. Aber was ist zum Beispiel mit Freunden von Freunden? Hand heben, Hand schütteln, küssen? Wenn ja, wie oft? Einmal auf die Wange wie in Hamburg, zweimal in die Luft wie in München, dreimal Freestyle wie in der Schweiz? Was ist mit halbwüchsigen Hip-Hop-Neffen? Puffen, knuffen, Schulterhauen – korrekt oder krass? Nur Feiglinge gehen dem Grüß-Problem aus dem Weg, in dem sie einfach die Straßenseite wechseln.

Und damit ist das Problem nur grob umrissen. Zusätzlich macht es auch noch einen Unterschied, wo man die Leute trifft. Brunch, Drogeriemarkt, Kindergarten. Apropos: Eine Freundin, die kürzlich mit ihrer kleinen Tochter vom alternativen Altona ins gediegene Blankenese zog, musste sich von der Erzieherin rüffeln lassen. Wegen vorschneller Duzerei. In den Elbvororten gilt noch immer die Dienstmädchen-Anrede: „Yvette, könnten Sie bitte dafür sorgen, dass mein Kind genügend Rohkost zu sich nimmt?“ In den einschlägigen Vierteln zwischen Altona und Prenzlauer Berg klingt ein Dialog zwischen Erzieher und abholendem Papa dagegen eher so: „Ey Mike, soll ich dir zum Kita-Sommerfest das neue Demotape von meiner Band mitbringen?“

Woher kommt diese Schwierigkeit, den richtigen Ton zu treffen? Vielleicht liegt es daran, dass in unserem Leben die Grenzen zwischen Innen- und Außenbereich immer mehr verwischen. Wenn Freiberufler ihrer Tätigkeit mit Laptop und Smartphone vom Beach Club aus nachgehen – was ist dann Arbeit, was ist Freizeit? Wenn 30-Jährige ihre neueste Liebe als Erstes ihrem Internet-Blog anvertrauen – was ist dann noch privat? Und dann noch die verflixte Globalisierung. Da muss ja dem armen Rechenprogramm im Kopf alles durcheinander geraten: italienische Wangenküsse, amerikanische Chefduzerei, hanseatische Halbdistanz.

Vielleicht wären dezent farbige Armbinden eine Lösung. Rosa für „Ich küsse gerne!“, syltmarineblau für „Händedruck erwünscht“, prilblumengelb für „Du kannst du zu mir sagen“, lodengrün für „für Sie immer noch Frau Carl“. Jedenfalls käme man dann bei zufälligen Begegnungen in der Fußgängerzone nicht mehr so schnell ins Stolpern. Aber bloß nicht spontan gemeinsam einen Kaffee trinken gehen! Die Bedienung wird beleidigt sein. So oder so. Entweder, weil man sie duzt. Oder weil man sie siezt.

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Schlagworte
Gefühle | Glück | Psychologie
Autor
Verena Carl