Persönlichkeit

Kolumne Starke Frauen trifft man überall

Starke Frauen trifft man überall

Meine Freundin schläft im Ehebett immer an der Wandseite: Sollte nachts ein Mörder vorbeikommen, macht er zuerst ihren Freund platt, sagt sie. Ziemlich uncool für eine Frau im 21.Jahrhundert. Wir können mehr! Um sie daran zu erinnern, habe ich ihr neulich mit fremder Rufnummer eine SMS geschickt: „Schöne Frau, ich weiß, dass Sie an der Wandseite schlafen, ist aber auch nicht ungefährlich …“ Das war gemein, aber konnte ich ahnen, dass sie in Panik gleich die Polizei einschaltet und mir nach meiner Beichte die Freundschaft kündigt?

Ich finde, wir Frauen sind locker in der Lage, unsere Männer zu beschützen. Und nicht umgekehrt. Wir sind stark, weil wir im Alltag Profil zeigen. Mal nichts auf das Geschwätz der anderen geben und uns eine neue Nase oder einen straffen Bauch gönnen, statt rumzujammern und Dauerkarten für Fitnessbuden zu horten, die man niemals von innen sehen wird. Das ist stark! Oder Mut zu beweisen und sich dem Freund zuliebe in einen freakigen Comicladen trauen und mit Verkäufern in Tim-und-Struppi-Kapuzenpullis über die wundersame Welt der Panini-Klebebildchen fachsimpeln.

Wobei sich die Frage auftut, ob Männer überhaupt mitbekommen, dass Frauen gerade Stärke zeigen. Mein Mann sagt, eine Frau ist stark, wenn sie klar sagen kann, was sie will und was nicht. Das bedeutet aber nicht, dass er klar hören möchte, wie unschön ich es finde, dass er sich an jedem Buffet den Teller bis zum Rand volllädt. Im Grunde ihres Herzens finden Männer Frauen stark, die sich wie unsere heißen Tatort-Kommissarinnen im Job nicht die Butter vom Brot nehmen lassen und mit knallhartem Verstand und kurzem Rock ihre Kollegen und das Verbrecherpack im Griff haben. Nur zu Hause sollten sie dann eher die weiche und anschmiegsame Seite zeigen.

Vielleicht ist es manchmal ein Zeichen von Stärke, keine männlichen Maßstäbe anzulegen und selbst zu entscheiden, was einen vorwärts bringt. Dazu gehört auch, eine falsche Entscheidung zu korrigieren oder kleinlaut eine Dummheit wieder gutzumachen. Dass man seiner Freundin mit einer gefakten Mörder-SMS keine Angst einjagen sollte, darf man einsehen und sich mit einer Einladung zu All-you-can-eat-Sushi entschuldigen. Ja, das habe ich getan und gerade so eben noch die Freundschaft gerettet. Und sie hat mir verziehen. Übrigens auch eine starke Nummer.

Die eigentlichen Heldentaten passieren also im Stillen und fallen gar nicht so schwer. Man sagt der Schwiegermutter offen, dass man die von ihr gehäkelten Stulpen niemals anziehen wird und macht Schluss mit jahrelangem Geheuchel; man meldet sich zum Pilotenschein an, statt weiter davon zu träumen; man knallt dem nervigen Chef die Kündigung auf den Tisch und startet mit der ersten eigenen Modekollektion durch. Mut zur Lücke! Man muss nicht sechs Kinder adoptieren, den Eurovision Songcontest gewinnen und – Achtung, übertriebene Stärke – auf das TV-Großereignis des Jahres verzichten, die Hochzeit von William und Kate.

Zu den Starken gehört frau auch dann, wenn bei ihr am Ende des Tages keine Goldmedaille um den Hals baumelt und kein Weltrekord im Hammerwerfen aufgestellt wurde. Apropos Hammer. Mein Mann schläft immer an der Wandseite und macht sich mehr Sorgen um den Einbrecher, der von mir eins über die Rübe kriegen würde, als um mich. Zu Recht.

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Schlagworte
Charakter | Psyche | Karriere | Verhalten
Autor
Silia Wiebe