Persönlichkeit

Suchtgefahr Suchtpotenzial Internet

Das Internet eröffnet eine Welt, die vielen besser scheint als die Realität. Das hat enormes Suchtpotenzial. Die Fakten, der Fall eines Netz-Junkies – und wie Sie sich schützen können.
Frau, Computer
   

Ginge es noch ohne? Ohne Google, Wikipedia, Facebook oder Twitter, ohne Social Games wie „FarmVille“? Briefe statt E-Mails, Telefonzelle statt Handy, Banktermin statt Online-Konto? Kaum noch vorstellbar. Wer heute nicht ständig und überall online mitmischt, gilt zunehmend als Außenseiter.
Zwar warnen ein paar Mahner, dass ständige Erreichbarkeit zu sehr stresst. Doch aktuelle Zahlen des Branchenverbandes BITKOM sprechen für sich: In Deutschland wird jeder der 51 Millionen Internetanschlüsse täglich im Schnitt 140 Minuten genutzt. Mehr als jeder vierte Bundesbürger besitzt mindestens zwei Mobiltelefone. Facebook hat hierzulande mittlerweile 22,1 Millionen Mitglieder. Pro Minute wird eine Stunde Videomaterial auf die Plattform YouTube hochgeladen, und das weltweite Publikum guckt dort täglich mehr als vier Milliarden Videos.
„Jeder trägt heute seine persönliche Medienwelt mit sich herum“, sagt Gabriele Farke. Bereits 1998 gründete die gelernte Industriekauffrau in Buxtehude bei Hamburg den Verein „Hilfe zur Selbsthilfe bei Onlinesucht“, kurz HSO. Da zählte das World Wide Web junge neun Jahre, es gab weder soziale Netzwerke noch Online-Rollenspiele. Trotzdem verfiel die heute 56-Jährige der neuen Art der Kommunikation. „Was habe ich zwischen ‘96 und ‘98 gechattet! Stundenlang. Die Zeit gibt einem keiner zurück“, erzählt Farke ohne Selbstmitleid.
Den Begriff Internetsucht kannte in Deutschland damals niemand. So entstand HSO e.V. „Am Anfang hatten wir bei Veranstaltungen kaum Publikum“, bilanziert Farke nüchtern. „Heute kommen regelmäßig 800 bis 1000 Leute.“ Das freut sie, doch „Online-Sucht ist ein drängendes Problem. Insgesamt passiert noch zu wenig und vieles zu halbherzig.“ In den 14 Jahren, die sie schon für HSO arbeitet, hat sie von Hunderten Familien erfahren, die an der Online- Sucht zerbrochen sind: „Mit professioneller Hilfe hätten sie es vielleicht geschafft.“

Wenig Therapiemöglichkeiten 

Doch die findet sich in Deutschland nur vereinzelt: Weil die Krankenkassen Internetabhängigkeit bislang nicht als Krankheit akzeptieren, bieten nur wenige Kliniken und Therapeuten eine Behandlung an. Unklar ist auch die Höhe des Bedarfs.
Eine erste Studie der Universitäten Greifswald und Lübeck ergab, dass von 1000 Deutschen 15 internetabhängig sind. Andere Analysen kommen auf bis zu 50. „Aber die Experten streiten ja noch, ob das überhaupt eine Sucht ist und ob sie Ursache oder Folge einer anderen psychischen Krankheit ist“, kritisiert Farke.
Die Folge: Je nachdem, wen oder wonach die Forscher fragen, ändern sich die Zahlen. „Da kann man streiten ohne Ende“, ärgert sich Farke, „den Betroffenen hilft das nicht weiter.“ Dabei belegen seriöse Studien inzwischen, dass eine Online-Sucht die sogenannte weiße Substanz im Gehirn schädigt. „Abhängige Internetnutzer zeigen zudem das gleiche Verhalten wie Abhängige von stoffbezogenen Süchten“, so Prof. Bernhard Croissant, Chefarzt der Christoph-Dornier-Klinik für Psychotherapie in Münster, eine der wenigen, die Hilfe bietet.

Promotion
Anzeige
Downloads
1 von 3
Schlagworte
Psychologie | Technik | Therapie