Persönlichkeit

Geständnis Tabus brechen

Reden statt schweigen: Lange war es verpönt, über Dinge wie berufliches Scheitern, Krebs oder einen unerfüllten Kinderwunsch zu sprechen. Der neue Trend, Schwächen zuzugeben, entkrampft, erleichtert und macht Mut. Vier Frauen erzählen, wie es ist, die Maske fallen zu lassen.
Frau mit Maske
   

Carla Moretti

Carla Moretti

Jahrelang versuchen Carla Moretti, 41, und ihr Mann Martin vergeblich, ein Baby zu bekommen. Nicht einmal gute Freunde des Münchener Paars ahnen etwas – bis es schließlich ein Buch darüber schreibt.

"Ich wünsche mir auch mit 41 noch ein Baby"

Die Partys waren das Schlimmste. Geburtstage, Sommerfeste, Glühweintrinken – plötzlich waren wir im Freundeskreis umgeben von Schwangerschaftsbäuchen, Krabbeldecken, schlummernden Babys in der Tragschale. Oft wurden Martin und ich gefragt: „Habt ihr auch Kinder?“ Ich habe das Thema meistens freundlich, aber knapp beendet. Einfach Nein gesagt und etwas anderes angesprochen. Wehgetan hat es aber jedes Mal. 

Das sagt die Expertin

Gabriele Ziegler ist zweite Vorsitzende von Wunschkind e.V., einer Anlaufstelle für Betroffene, Ärzte und Juristen:

„Das Thema ist heute weit weniger tabu als vor 20 Jahren, auch weil Betroffene in die Öffentlichkeit gehen. Das stärkt sie selbst und andere. Trotzdem gibt es noch viele Missverständnisse. Manche bringen eine Kinderwunschbehandlung mit Klonen, Designer-Babys oder 60-jährigen Schwangeren in Verbindung. Andere geben flapsige Kommentare ab wie: ‚Kann dein Mann nicht? Ich schicke dir meinen vorbei!’ Ungewollt kinderlose Frauen müssen außerdem mit beruflichen Nachteilen rechnen, wenn sie sich in Behandlung begeben: Kleinbetriebe haben das Recht, Mitarbeiterinnen wegen der zu erwartenden Fehlzeiten zu entlassen. Ein Unding. Konservative Moralvorstellungen kommen hinzu. Mehr Information und mehr Diskussion über das Thema wären wünschenswert. Schließlich ist der Wunsch nach einem Baby keine egoistische Marotte, sondern völlig legitim.“


Ich war 36, als ich Martin kennenlernte, etwa ein Jahr danach hörten wir auf zu verhüten. Dass es nichts werden könnte mit dem Wunschkind, hatte ich nie in Erwägung gezogen. Schließlich waren viele meiner Freundinnen spät dran, und wir hatten uns immer gegenseitig versichert: Irgendwann schieben wir alle gemeinsam Kinderwagen. Aber ich wurde nicht schwanger. Auch nicht mit medizinischer Unterstützung. Jeden Monat brach wieder eine kleine Welt zusammen. Darüber gesprochen habe ich nur mit meiner besten Freundin. Das war nicht immer leicht, denn sie bekam ein Baby. Bei mir endeten zwei Schwangerschaften mit Fehlgeburten. In Internetforen suchte ich Gleichgesinnte, erschrak über den rauen Ton: Frauen über 35 mit Kinderwunsch werden oft als unverantwortlich und selbstsüchtig bezeichnet.

Der Schritt in die Öffentlichkeit

Dass wir unsere Geschichte veröffentlichten, mit allen Tiefs, Krisen, aber auch den komischen Momenten, war Ermutigung und Verarbeitung zugleich – für uns selbst und für andere. Als das Buch erschien, war es, als hätten wir eine Wasserader angestochen. Selbst gute Freunde sagten auf einmal, dass sie ähnliche Probleme hatten oder ihre Kinder mit medizinischer Hilfe gezeugt worden waren. In einer Zeit, in der Frauen ganz cool über Schönheits-OPs reden, ist diese Verschwiegenheit schon erstaunlich. Mein Mann und ich fühlen uns heute befreit, weil wir so offen zu unserer Geschichte stehen. Und ein neues Projekt hat sich für mich dadurch auch noch ergeben: die Website „lastminutemom.de“. Dort können sich Frauen meines Alters austauschen, ohne angepöbelt zu werden. Das ist zurzeit mein Baby – aber den Wunsch nach einem Kind gebe ich noch lange nicht auf!

Promotion
Anzeige
1 von 3
Schlagworte
Leben