Persönlichkeit

Psychologie Träume als Spiegel der Psyche

Lange waren Hirnforscher überzeugt, dass es in unseren schlafenden Köpfen nur zu sinnbefreiten Entladungen kommt. Aktuelle Studien zeigen jetzt: Träume sind kein Zufall. Und jeder kann sie für sich nutzen.
Schlafende Frau
   

Traum 1:
„Ich träume, dass ich in einem Wasserfall nach einem Diamanten tauche. Am Ufer wachsen Blumen. Ein Hund balanciert auf einem Seil vorbei und gibt mir Tipps. Ich kann mit ihm reden. Das finde ich ganz normal.“

Traum 2:
„Ich gehe eine Straße entlang. Ich habe Angst. Ein dunkles Auto kommt immer näher. Plötzlich ist der Gehsteig so steil, dass ich nicht mehr weglaufen kann. Das Auto stoppt neben mir. Maskierte Männer öffnen die Türen. Ich schreie – und wache auf.“

Zwei Träume, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Doch sie zeigen nur einen Mini-Ausschnitt aus der unendlichen Programmvielfalt, die unser Kopfkino Nacht für Nacht bereithält. Wir träumen von bizarren Landschaften, erotischen Eskapaden und Verfolgungsjagden. Wir flüchten, fliegen, fallen. Mal als allmächtige Helden, mal als wehrlose Opfer. Aber warum? Wieso schaltet unser Denkorgan nachts nicht auch einen Gang runter? Nach wie vor können Traumforscher viele Fragen nur ansatzweise beantworten. Doch was sie bislang herausgefunden haben, beweist: Ohne nächtliche Visionen wäre unsere Psyche eine völlig andere.

Woher kommen Träume?

„Träume spiegeln das psychische Erleben während des Schlafes“, sagt Prof. Michael Schredl, wissenschaftlicher Leiter der Schlafambulanz am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Fälschlicherweise gingen Mediziner und Psychologen lange davon aus, dass unser Gehirn im Schlaf „abgeschaltet“ wird. „Man hielt Träume für das Ergebnis einer zufälligen Aktivität einiger Nervenzellen, für ein zielloses Neuronenfeuer ohne Bedeutung“, erzählt Schredl. „Heute weiß man: Unser Denken, Erleben und Fühlen des Wachzustandes läuft im Schlaf weiter.“
Was nachts im Kopf passiert, ist alles andere als Zufall.
„Träumen ist ein zielgerichteter, motivierter Vorgang“, sagt Prof. Marc Solms, Neuropsychologe am Groote Schuur Hospital in Kapstadt und einer der bekanntesten Traumforscher. „Der instinktive, emotionale Teil unseres Bewusstseins wird aufgedeckt.“ Freude und Sehnsucht, aber auch Ängste und Sorgen brechen sich ungefiltert Bahn. Nur die Vernunft pausiert. Wir erfahren viel über uns selbst, darüber, was uns im tiefsten Inneren beschäftigt. „Vor allem aufwühlende Emotionen führen zu intensiven Träumen mit starken Bildern“, bestätigt Experte Schredl.

Machen Träume kreativ?

Im Traum entdeckte Frederick Banting das Insulin, Elias Howe schuf die Nähmaschine – angeblich. Abwegig findet Schredl solche Legenden nicht: „Wir konnten in einer Studie feststellen, dass sich etwa acht Prozent der Träume kreativ aufs Wachleben auswirken.“ Die Probanden fanden Anregungen für Urlaubsreisen und neue Hobbys, lösten Beziehungsprobleme oder wussten plötzlich, was ihren defekten Computer mobilisiert.
„Ich habe geträumt, dass ich auf der Bühne stehe. Nur ich war dort, ohne Publikum. Ich sang, hörte tosenden Beifall – und beschloss, Gesangsunterricht zu nehmen“, steht in der Traumsammlung von Schredls Institut. Schön und gut. Aber was nützt die beste Idee, wenn sie sich mit dem Weckerklingeln in Luft auflöst? „Nehmen Sie sich abends fest vor, sich morgens an einen Traum zu erinnern“, rät Schredl. „Legen Sie Papier und Stift ans Bett. Schreiben Sie Ihren Traum gleich nach dem Erwachen auf.“

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