Persönlichkeit

Kolumne Traumurlaub, der zweite?

Frau verreisen Koffer

Vor einiger Zeit stand ich an einem andalusischen Strand und wusste, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Eigentlich stimmte alles: Der Atlantik brandete gegen die Felsen, es roch nach Salz und Tang, der Wind trug mir ein paar Töne Elektropop aus einer Beachbar zu. Das Dorf hieß noch genauso wie 1990, als ich zuletzt dort stand. Trotzdem war ich an einem unbekannten Ort gelandet. Die schicke Bar, die neue Promenade, die geschmackvollen Hotelneubauten: alles falsch. Wo war das arabische Café mit dem bröckelnden Putz, das Haus mit der grünen Tür, in dem ich damals für 800 Peseten pro Nacht geschlafen hatte? Wo steckten die Rucksacktouristen, mit denen ich auf der Dachterrasse Sardinen gegrillt hatte? Vor allem: Wo war ich? Diese 20-Jährige mit den selbst gefärbten Strähnen, Kassetten-Walkman und Tagebuch im Gepäck, deren Leben ebenso offen vor ihr lag wie die menschenleeren Strände der Costa de la Luz? Stattdessen stand hier eine Frau mittleren Alters in der Brandung, mit Restbauch von zwei Schwangerschaften, einem Smartphone voller beruflicher Kontaktdaten in der Tasche und einer Nagellackfarbe, die seit 1995 out war.

Alte Sehnsuchtsplätze

An diesem Morgen an diesem Strand wurde mir klar: Ich kann nicht zurückkehren an alte Sehnsuchtsplätze. Weil ich mich selbst mitnehme, mein eigenes, älter gewordenes Ich. Mit dem gesamten Gepäck der Zwischenzeit, verlorenen Lieben, neuen Sichtweisen und Erfahrungen. Weil ich ausnahmslos alles zurückdrehen müsste, die Zeit und das eigene Leben, um noch einmal dort anzukommen. Gleichzeitig verstand ich, dass zwei Arten von Reisezielen existieren: die einmaligen und die wiederholungstauglichen. Schön sind beide. Die Kunst besteht darin, die einen von den anderen zu unterscheiden. Denn eine Menge Plätze besuche ich immer wieder gern – so wie gute Freunde, die gemeinsam mit mir älter werden: der Weststrand von Föhr, wo meine Kinder schon als Krabbler Sandkuchen gebacken haben; London, wo ich mich alle paar Jahre von der veränderten Skyline über- raschen lasse. Andere Leute zieht es jedes Jahr in einen Ferienclub auf Fuerteventura, weil der die besten Leih- Surfbretter hat, und im Winter zum Langlaufen ins selbe Tiroler Tal, weil sie nicht erst herausfinden müssen, auf welchem Hang nachmittags die Sonne scheint und welche Hütte die besten Germknödel serviert. Aber dieses Dorf in Andalusien, wo ich in einem langen Sommer zwischen Kindheit und Erwachsenwerden umherspaziert bin? Oder das Hotel in Venedig, in dem ich den ersten Urlaub mit meinem Mann verbracht habe? Die lasse ich in Zukunft dort, wo sie hingehören: in der Vergangenheit, auf gelbstichigen Aufnahmen in meinem Fotokarton, in meinem Kopf.

Hier stimmt einfach alles

Denn zum Glück kommen immer wieder neue Sehnsuchtsorte dazu. Erinnerungen für die Zukunft. Orte, an denen mein 43-jähriges Ich sitzt und merkt: Hier stimmt alles – der Geruch in der Luft, die Landschaft vor der Terrasse. Und der Mann, der mir gegenübersitzt und die Weinkarte studiert, der stimmt auch, nach wie vor und mehr denn je. Ich bin sicher, ich werde es merken, wenn ich das nächste Mal an einem solchen Ort bin – und ihn kein zweites Mal besuchen. Aber mein 65-jähriges Ich, das wird sich gern an ihn erinnern.

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Schlagworte
Kolumne | Wissen
Autor
Verena Carl