Persönlichkeit

Verena Carl Kolumne Zwischen den Zielen

Es gibt viele clevere Menschen auf der Welt, aber wenig wahre Weise. Einer von ihnen betreibt ein Reisebüro an einer Ausfallstraße zwischen Berlin-Friedrichshain und Prenzlauer Berg. Im Schaufenster hängen die üblichen Angebotsschilder, vom Last-Minute-Luxus bis zur Kaffeefahrt, doch direkt in der Mitte fällt ein handgeschriebener Zettel auf. Da steht, mit schwarzem Edding auf weißem Papier, ein simpler Satz: „Hier ist es auch schön.“

Ich als Hamburgerin musste grinsen, als ich diese Worte las. Berliner Schnauze, wa? Dann wunderte ich mich: Ist Berlin etwa so lässig, dass nicht mal Geschäftsleute ihr eigenes Business ernst nehmen? Da könnte sich ja demnächst Herr Joop vor seine Villa im benachbarten Potsdam stellen und sagen: Mode, was soll der Firlefanz? Noch nie was von inneren Werten gehört? In der U-Bahn dachte ich nach. Dazu hatte ich eine Menge Zeit, denn Berlin ist verdammt groß. Gefühlte 25 Stationen weiter war ich voller Bewunderung und Demut. Wer auch immer das Reisebüro führt, hatte voll ins Schwarze getroffen! Der Satz hat überhaupt nichts mit Berlin zu tun, er reicht viel weiter. Worte, die man sich auf den Badezimmerspiegel schreiben sollte, egal wo man sich gerade befindet – sowohl geografisch als auch gefühlsmäßig.

Unser menschliches Grundproblem ist nämlich, dass wir immerzu irgendwohin wollen. Egal ob es uns gut geht oder nicht. Läuft es schlecht, hoffen wir auf eine neue Chance: Beim nächsten Prüfungstermin wird alles anders, beim nächsten Mann sowieso. Läuft es gut, wollen wir ins Noch-besser-Land: freistehendes Einzelhaus im Grünen, Job in noch netterer Firma. Unser Lieblingsmantra heißt „Wenn nur erst“: wenn nur erst das Kleinkind selbstständig auf die Toilette gehen kann, Großprojekt xy geschafft ist, die wachsenden Haare nicht mehr ständig ins Gesicht fallen, dann wird alles wunderbar. Dabei vergessen wir, dass wir zur gleichen Zeit längst am Ziel von gestern angekommen sind. Anders gesagt: Nach dem Ziel ist vor dem Ziel. Oder: Leben ist das, was passiert, während du andere Pläne schmiedest. Wir wollen selbstbestimmt Leben.

Nein, ich habe weder etwas gegen Reisen noch gegen Lebensziele. Ich bin weit entfernt von jenem erleuchteten Hier-und-Jetzt-Glorienschein, den Yogis als Samadhi bezeichnen. Ich weiß auch, dass man Tiefpunkte erlebt, dann liest sich der Badezimmerspiegelsatz wie blanker Zynismus. Aber die meiste Zeit, während man sich in einer angenehmen Reiseflughöhe durch die eigene Lebensgeschichte bewegt, ist er doch ein guter Begleiter. Ich jedenfalls begrüße mein Spiegelbild seit diesem Kurztrip nach Berlin jeden Morgen mit einem gemurmelten „Schön hier“. Obwohl Henri, 2, sich ständig seine vollen Windeln auszieht und ich mit Helen, 5, schon zum dritten Mal alle fünf Staffeln „Wickie und die starken Männer“ anschauen muss.

Obwohl ich immer noch nicht reich geworden bin und nicht mehr in meine Lederjacke von 2001 passe. Aber wie werde ich meine kuscheligen Kleinkinder vermissen, wenn sie sich in zehn Jahren in pubertäre Widerborste verwandeln! Wie schön sind die Lederjackenschnitte von 2011! Geografisch kann ich sowieso nicht meckern. Denn das wissen Sie ja sicherlich auch, lieber Herr Berliner Reisebürobesitzer: Hamburg ist knorke.

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Schlagworte
Charakter | Psyche | Gefühle | Psychologie
Autor
Verena Carl