Mind

Balance: Psychologie Ich habe einen Plan

Mit Zielen zum Wohlfühlglück
Mehr als 2100 Buchtitel listet Amazon zu dem Stichwort auf, Google Deutschland mehr als 732 000 Treffer. „Das Thema wird sehr gehypt“, bestätigt Diplompsychologin Lisa Lyssenko, Geschäftsführerin des Instituts für wissenschaftliche psychologische Prävention in Freiburg. Doch je populärer ein Thema, desto verkürzter wird es häufig dargestellt. „Achtsamkeit heißt eben nicht: auf dem Sofa sitzen und ‚Om‘ machen“, so Ulrike Bergmann. Seit über zwei Jahrzehnten unterstützt sie Menschen dabei, Ziele zu erreichen und Träume zu verwirklichen (Infos: www.die-mutmacherin.de). Wem es helfe, der könne natürlich bei einer Achtsamkeitsübung die Augen schließen. „Aber eben nicht verschließen – davor, dass wir aktiv werden und in unserem Leben etwas verändern können“, stellt die Expertin klar. „Ohne Pläne, ohne Ziele schrumpft unsere seelische Komfortzone, und wir trauen uns immer weniger zu.“

Ziele brauchen Achtsamkeit

Je mehr wir unser Leben als Hamsterrad wahrnehmen, desto intensiver sollten wir uns also bemühen, achtsam(er) zu agieren. Aber: „Lenke ich dadurch meine Aufmerksamkeit bewusster auf das, was ich im Moment tue, kann ich selbstverständ­lich in dem Moment Pläne schmieden oder mir neue Ziele setzen“, erklärt Lisa Lyssen­ko. „Das eine schließt das andere nicht aus. Mehr noch: Wenn ich nicht weiß, wo ich hinwill, komme ich niemals an und bleibe im Hamsterrad stecken.“ Fürs Wohlfühl­glück brauchen wir also beides, den Blick auf die Gegenwart und den in die Zukunft. Gemeinsam helfen sie uns, unseren ge­wählten Lebensweg im Auge zu behalten.
Der beginnt oft mit einem konturlosen Gefühl. Wir fühlen uns „fremd“ im eigenen Leben. Erledigen vieles, tun aber wenig für uns selbst. Ahnen, dass wir einen wichti­gen Teil unserer Persönlichkeit missach­ten. „Diese Unzufriedenheit zuzulassen, fällt nicht leicht“, sagt Lisa Lyssenko. „Zu­mal wir in unserer Kultur dazu neigen, negative Gefühle auszuklammern. Acht­samkeit hilft, sie anzunehmen und nicht umzuformen.“ Das bleibt bis zur Zielgera­den wichtig. Denn wir müssen Rückschlä­ge verkraften, den inneren Schweinehund und Ängste überwinden, negative Reaktio­nen aus unserem Umfeld ertragen.
 

„s.m.a.r.t.“ das Ziel erreichen

„Gerade in solchen Phasen gilt es innezu­halten und sich zu fragen: Folge ich diesen negativen Gedanken und Gefühlen oder nicht?“, erklärt Lisa Lyssenko. „Ich könnte mir beispielsweise sagen: ‚Aha, ich denke gerade, dass ich es niemals schaffe ...‘ Das erzeugt Abstand von Gedanken, die sich zwar real anfühlen, aber keine Realität sind.“ Wir können sie in unserer Vorstel­lung davonziehen lassen wie eine Wolke am Himmel. Für negative Gefühle gilt das Gleiche: „Habe ich etwa vor der ersten Yogastunde Angst, mich zu blamieren, kann mir eine achtsame Haltung verdeut­lichen, dass dahinter eine automatische Reaktion meines Gehirns steckt, das sich vielleicht an den verhassten Sportunter­richt in der Schule erinnert fühlt. Ich brau­che ihr also nicht zu folgen.“
Meistens lassen wir Pläne aber sausen, weil sie ihre Anziehungskraft verlieren. „Deshalb sollten Ziele smart sein“, rät Lisa Lyssenko. Intelligent, heißt das auf Deutsch – und stellt zugleich eine Abkür­zung dar: Was wir erreichen wollen, sollte spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminbezogen sein. „Anders gesagt: Jedes Ziel sollte binnen dreier Monate erreichbar sein und mit dem übereinstimmen, was Ihnen persönlich wichtig ist“, erläutert Lisa Lyssenko. In großen internationalen Studien zeigte sich, dass jeder Mensch auf der Welt diesbezüglich sehr ähnliche Vorstel­lungen hat. Die lassen sich in 18 universel­len Werten bündeln. Wie Ihr persönliches „Werteprofil“ aussieht, zeigt Ihnen unser Test auf m.vital.de/mein_werteprofil.„Verbinden Sie sich außerdem einmal am Tag innerlich mit Ihrer persönlichen Zukunftsvision“, rät Ulrike Bergmann. Was in diesem Moment geschieht, erklärt sie in ihren Seminaren gern mit einem Einmach­gummi, das sie zwischen den Mittelfingern eines Teilnehmers spannt. „Ein Finger steht für die Gegenwart: Wie geht es mir heute? Der andere symbolisiert die Zukunft: Wo will ich hin? Zwischen diesen beiden Polen entsteht eine kreative Span­nung. Diese irritiert das Unterbewusstsein, das daraufhin Ideen entwickelt. Ohne ein Innehalten würde ich diese Impulse über­haupt nicht bemerken.“ Einmal mehr zeigt sich hier, wie kraftvoll sich der Blick auf die Gegenwart mit dem in die Zukunft ver­binden kann.

Erfolge feiern und genießen

Apropos Unterbewusstsein, diese Teile des Gehirns belohnen uns mit speziellen Bo­tenstoffen nicht nur, wenn alles bleibt, wie es ist. Sie erwarten obendrein auch (zu) schnelle Erfolge. „Wir tun automatisch mehr von dem, was sich gut anfühlt“, sagt Lisa Lys­senko. „Aber bei den meisten Zielen dauert es, bis ich diesen Effekt erreiche. Will ich zum Beispiel mehr Sport treiben, fühlen sich die ersten Laufrunden sicher nicht so toll an.“ Schon fängt der innere Schweine­hund an zu knurren. Doch wir können ihn an die Kette legen, indem wir uns genau jene unterbewussten Abläufe im Gehirn bewusst machen, die ihn geweckt haben – mit Achtsamkeit. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt: Statt die Laufschuhe in die Ecke zu knallen, knacken wir schneller als erwartet die Fünf-Kilometer-Marke. „Und dann dürfen wir uns innerlich ruhig auf die Schulter klopfen“, sagt Lisa Lyssenko. „Das hat nichts mit Eingebildetsein zu tun. Gute Gefühle sollten wir auskosten wie ein wohliges Schaumbad.“
Um genau diese Fähigkeit beneiden wir Deutsche heimlich die Südeuropäer, vermutet Ulrike Bergmann. „Bei uns haben Ziele immer so ein enormes Gewicht“, sagt sie. „Ziele werden in Stein gemeißelt und mit Blut geschrieben. Um sie zu erreichen, müssen wir Entscheidungen wie Bäume fällen und eine Wahl treffen wie eine Zielscheibe. Schießen wir nicht auf Anhieb ins Schwarze, landen wir gescheitert auf dem Scheiterhaufen.“ Nicht nur das Gehirn legt uns also Stolpersteine in den Weg, sondern auch die Kultur. „Im Französischen heißt es zum Beispiel: prendre une décision, eine Entscheidung nehmen“, sagt Ulrike Bergmann. „So sollten wir auch denken. Dann entsteht mehr Leichtigkeit.“
 

Ziele lieben Mitstreiter

Unsere Kultur kann beim Planen aber auch nützlich sein. „Treffen Sie sich alle 14 Tage mit zwei bis sechs Leuten, die vielleicht andere, aber eben auch möglichst konkrete Pläne verfolgen“, rät Ulrike Bergmann. „So entsteht eine zusätzliche Verbindlichkeit. Ich muss regelmäßig vor mir selbst und anderen Rechenschaft darüber ablegen, was ich seit dem letzten Treffen für mein Ziel getan habe. Dadurch trennt sich die Spreu vom Weizen.“ Ob ein Plan wirklich zu uns passt – oder eben (noch) nicht –, erkennen wir im Austausch mit anderen oft am besten. Und unter Gleichgesinnten tut eine Niederlage nicht so weh. „Das ist keine Niederlage“, stellt Ulrike Bergmann klar, „sondern eine wichtige Erkenntnis. Alle erfolgreichen Menschen haben Fehler gemacht. In so einem Moment kann ich mich fragen: Was habe ich auf der zurückgelegten Strecke gelernt? Auch das hängt mit Achtsamkeit zusammen.“ Die Dinge annehmen, wie sie sind, „nicht so tun, als seien sie gut“, betont Lisa Lyssenko. „Es geht darum, sich Rückschritte zuzugestehen.“
Pläne lassen sich ändern, anpassen. Nie führt nur ein einziger Weg ans Ziel. Geben wir beim ersten Hindernis auf, werden wir wieder zum Spielball unserer Gedanken und Gefühle, versuchen vielleicht, gesellschaftliche Erwartungen zu erfüllen, die wir doch nie bedienen wollten. „Es festigt Menschen, wenn sie anfangen, ihr Dasein und ihren Alltag achtsam zu planen“, sagt Lisa Lyssenko. „Sie erleben ihr Handeln als sinnvoll, sinnstiftend und spüren eine tiefe Zufriedenheit, weil sie ein Leben führen, das viel stärker zu ihnen passt.“
 
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