Natur

Reisen Paddeltour im Biber-Revier

Hier! Nördlich von Berlin, im Naturpark Uckermärkische Seen, gehen Führer mit kleinen Trupps auf Paddeltour, um die scheuen Nager zu beobachten. Die haben still und heimlich ihr Revier zurückerobert.
Paddeltour
  

Es schüttet. Auf was habe ich mich bloß eingelassen? Da buche ich eine Biberpaddeltour, und die Natur zeigt mir sofort, wo es lang geht. „Hauptsache, es ist warm, wir haben was zu futtern und ein trockenes Plätzchen zum Schlafen“, sagt Yogi. Diese einfache Sicht flößt mir Respekt ein, doch meine Laune ist schon auf den Grund des Großen Lychensees gesunken. Seufzend schichte ich meine Sachen in zwei wasserdichte 60-Liter-Packsäcke um.

Kanadier

So sieht ein Parkplatz im Naturschutzgebiet Uckermark aus.

Yogi, der 45-jährige Naturpädagoge, der unsere elfköpfige Truppe führen wird, trägt Rangerhut, Cargopants und T-Shirt. Er scheint den Regen nicht wahrzunehmen. „Die Havel ist wegen Hochwasser gesperrt, wir fahren eine Ausweichstrecke, die körperlich anstrengender, aber landschaftlich schöner ist“, kündigt er jetzt an. Sie führt an vielen Biberburgen vorbei. Klingt gut, denke ich. Wenn nur der Regen nicht wäre. Mit zwei Transportern und Bootsanhänger werden wir durch das Unwetter chauffiert. Auf dem Campingplatz am See Breiter Luzin heißt es: anpacken und die großen Biwakzelte aufbauen. Schrittweise zeigt uns Yogi, wie das geht. Ich habe beim letzten den ersten vergessen. „Morgen Abend könnt ihr das allein“, sagt er. Auweia. Wir verteilen uns auf die Zelte. Eine Damen- und eine Herrenrunde entstehen: Lara, Constanze mit ihrer zwölfjährigen Tochter Annika, Steffi und Astrid heißen meine Zeltgenossinnen. Wir richten schon mal unser Nachtlager mit Isomatten ein. Ich finde in den Paddelsäcken nichts wieder.

Wenn das Boot zu kippen droht: Arme hoch 

Die Sonne kommt raus, sofort wollen alle lospaddeln. Ich werfe meine Sachen einfach wieder in den Beutel. Die Männer greifen sich schon die Paddelboote. Die heißen eigentlich Kanadier, lerne ich. Zuerst müssen wir die Zweier- und Dreierboote zum See bringen. Am Steg sind Helmut und sein Sohn Sebastian die ersten Wagemutigen – und kentern fast beim Einsteigen. Yogi greift ein und erklärt: „Nie am Rand des Kanadiers festhalten. Das Gleichgewicht mit dem Paddel halten.“ Wenn das Boot zu kippen droht: Arme hoch und mit dem gesamten Körper ausgleichen. Mein erster Eindruck: extrem wackelig. Ich sitze mit Fotograf Gregor und Yogi im Dreier-Kanadier und lerne: Die Vorderste, also ich, gleicht ab und an die Steuerung aus, der Mittlere, Gregor, unterstützt die Fahrt, und der Hintermann, Yogi, steuert. Unsere Truppe paddelt an Seerosen und Schilf vorbei. Klappt doch, denke ich, aber mein Paddel rumst noch viel zu oft gegen den Bootsrand. Das lautlose Paddeln ist aber wichtig, denn Biber sind zwar so gut wie blind, hören aber exzellent.

Netz fischen

Von morgens bis abends draußen und aktiv – wir vergessen schnell, welcher Wochentag ist

Falls nötig, alarmieren sie sich gegenseitig, indem sie mit ihrem breiten platten Schwanz auf die Wasseroberfläche schlagen – das Signal zum Abtauchen. Nach zwei Stunden Übungsfahrt ruft Yogi zu Steffi und Astrid hin über: „Zurück zum Abendessen! Weiter sagen!“ So funktioniert die Verständigung von Boot zu Boot. Zurück an Land, machen wir für Pellkartoffeln mit Kräuterquark, Feuer, holen Wasser, rühren den Quark an, kochen Kartoffeln – und reden. Helmut erzählt, dass sein Sohn Sebastian die Tour ausgesucht hat. Der Abiturient wollte ein paar Tage in der Natur verbringen. Genau wie Informatiker Kai. Gartenbaustudentin Lara und Roland, Doktor der Biologie, verbinden hier Berufe und Vorlieben. Constanze und ihre Tochter Annika wollen das Paddeln ausprobieren. Steffi und Astrid wollen, wie wir alle, unbedingt Biber live sehen. Wie viele Biber in der Uckermark leben, wisse niemand, erzählt Yogi. Aber man sieht angenagte und gestürzte Bäume, Staudämme und Überflutungen – typisch Biber. Im 18. Jahrhundert wurde er zum Fisch erklärt, daher durfte man in der Fastenzeit sein Fleisch essen.
Astrid beim Schuhwechsel

Astrid beim Schuhwechsel.

Und der mit 23 000 Haaren pro Quadratzentimeter dichte Pelz wärmte reiche Leute. So wurden die Biber ausgerottet. Zwei Neuansiedlungen nach dem Zweiten Weltkrieg – das war’s. Erst als sowjetische Soldaten in den 1980er-Jahren ein paar getötete Nager zum Schlachter brachten (sie hofften, er würde ihnen das Fleisch abkaufen), begriffen die Uckermärker, dass die Biber zurück waren.

Die Zivilisation scheint weit weg 

Ihr Revier besteht aus Schilfmäandern und großen tiefen Seen, umgeben von Wäldern. Die Zivilisation scheint weit weg. Wir frühstücken im Freien. Danach dauert es ewig, die Ausrüstung mitsamt Ofen und zwei großen Schnellkochtöpfen, Lebensmitteln, Brennholz, Schwimmwesten, Ferngläsern und dem persönlichen Gepäck eines jeden zu packen, zum Steg zu tragen und in den Booten zu verstauen. 16 Kilometer Paddeln stehen am zweiten Tag an. Über die Seen Schmaler Luzin und Carwitzer See Richtung Lychen. Fischadler kreisen über uns. Die Luzinfähre kreuzt unsere Route, am Steuer der lässigste Fährmann der Uckermark: Er trägt als Berufsbekleidung nur eine Sonnenbrille und Bermudashorts. Wenig später heißt es zum ersten Mal Umsetzen: alles Gepäck aus dem Kanadier holen, über die Straße tragen, an einer Wiese vorbei und wieder hin ein in den Bach.

Lara beim Packen

Lara beim Packen

Drei Pferde gucken gelangweilt, die kennen schwer bepackte Paddler schon. Denn der 900 Quadratkilometer große Naturpark Ucker märkische Seen ist ein Liebling revier der Wasserwanderer. Nach ein paar Metern im Bach liegt auf einmal eine Pappel quer – angenagt in der typischen Sanduhrform. Eindeutig von Bibern! „Die Rinde ist für sie so was wie für uns Schokolade“, erklärt Yogi. Vom Biber selbst sehen wir nichts, die Vegetarier mit den scharfen Zähnen sind nachtaktiv. Das Wasser wird zu flach für unsere Boote. Wir steigen aus und ziehen sie unter einer Brücke hindurch. Dahinter, bei einem Dorffest, machen wir Pause mit Bratwurst und Torte. „Was ist heute für ein Wochentag?“, frage ich Astrid. Wir müssen beide überlegen – ach, egal. Ich will nur schnell wieder ins Boot. Mittlerweile fühlt es sich wie Zen an: das Paddel eintauchen, still gleiten. Wasserlinsen, Krebsscheren und Wasserschlauch entdecken, Igel- und Rohrkolben. Wer botanisch nicht weiterweiß, fragt Yogi, der kennt alles aus dem Effeff. Ich schaue einer knallblauen Libelle nach. Seerosen blätter um geben unser Boot, vor uns hüpft ein Frosch ins Wasser. Hinter der nächsten Biegung paddeln wir auf ein Schwanenpaar mit sieben Küken zu. Herr Schwan zischt, wir flüchten. Beim zweiten Umsetzen gilt es, eine kleine Anhöhe zu überwinden. Mit vereinten Kräften schaffen wir es. Ich merke meine Schultern und erste Schwielen an den Händen. Das dritte Umsetzen nehme ich nicht mehr wahr. Wo wir sind, auch nicht. Ich will nur noch ankommen.
Boot umsetzen

Manchmal führt die Strecke über Land: Hier wird „umgesetzt“

Die Biberpirsch beginnt! 

Am Biwakplatz Kolbatzer Mühle brauchen wir keine Zelte aufzubauen, sondern können in fest stehende Vier-Mann-Tipis einziehen – die beste Info des Tages. Ich schlafe sofort ein. Der Küstriner Bach erweist sich am nächsten Morgen dank Hochwasser als schneller Strom. Einmal kommt uns ein Baumstamm in die Quere. Das bringt uns in eine kritische Schieflage, gleich kentern wir! Doch Yogi steuert gekonnt gegen. Am Ende der Tagestour waten wir ans Ufer. Yogi fängt jedes Boot im Wasser ab. Lara und Roland kommen zu Fuß: Sie sind gekentert und nass bis aufs Hemd. Zum Glück werden wir hier mit dem Auto abgeholt und zum Nachtquartier gefahren. Um vier Uhr morgens klingelt der Wecker: Die Biberpirsch beginnt! „Warm anziehen, am besten mehrere Schichten übereinander“, ermahnt uns Yogi. Nach einem Schluck Kaffee geht es über einen Feldweg zum Netzowsee. Jeder hält sein Paddel in der Hand, die Kanadier wurden abends mit dem Auto gebracht.

Biber
Wir steigen ein und gleiten in die Morgenröte hinein. Mir fehlt mein Frühstück. Wann kommt bloß die Biberburg? Doch wir müssen erst quer über den See und in einen Seitenarm. Ab da heißt es: „Leise sein und leise paddeln.“ Vor uns sehe ich eine halb runde Erhöhung aus verzweigten Ästen – die Biberburg! Unsere Boote verteilen sich um die stattliche Konstruktion. „Ruhe, bitte.“ Warten, still sitzen. Wenig später sehe ich zwei Biberköpfe knapp übers Wasser ragen, ruhig schwimmen sie auf die Burg zu und tauchen leise ab. Ich höre fast auf zu atmen. Plötzlich sehe ich noch einen haarigen Kopf – ein kleiner Biber, der dicht bei unserem Boot unterwegs ist. Gregor will ihn fotografieren, doch der Biber hört das Klicken des Fotoapparats und schlägt sofort mit seiner Biberkelle Alarm. „Das war‘s!“ Jogi ruft zum Aufbruch. Die Sonne ist längst aufgegangen. An Land braten wir Rührei, wie immer unter freiem Himmel. Die Biber sind das große Thema. Danach nehme ich ein kühles Bad im See – denn jetzt bin ich naturerprobt.

Promotion
Anzeige
1 von 2
Schlagworte
Reise | Sport | Umwelt
Autor
Karola Kostede