Alternative Medizin

Tipps Von nichts kommt viel

„Wer heilt, hat recht.“ Kritikern des Placebo-Effekts nimmt diese Welt- sicht jeden Wind aus den Segeln. In einer Pille steckt kein Wirkstoff? Egal, wenn Sie trotzdem gesund werden. So machen Sie sich ein faszinierendes Phänomen zunutze.
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Kann ein Medikament, das nachweislich keinen Wirkstoff enthält, dennoch Beschwerden lindern?

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Henry Beecher ist US-Militärarzt im Zweiten Weltkrieg. Im Lazarett, die Morphin- Vorräte sind längst aufgebraucht, sieht er, wie eine Krankenschwester einem verwundeten Soldaten eine einfache Kochsalzlösung spritzt. Doch die Injektion lindert das Leid des Patienten, denn er glaubt, ein starkes Schmerzmittel bekommen zu haben. Wie kann ein Placebo (lat.: „Ich werde gefallen“), also ein Medikament, das nachweislich keinen Wirkstoff enthält, dennoch Beschwerden lindern? Der Glaube versetzt tatsächlich Berge. Das können wir in vielen Lebensbereichen beobachten: in wischenmenschlichen Beziehungen, im Leistungssport – wer Siege erringen will, lässt sich heute von einem Mental-Coach auf den Wettkampf einstimmen – und eben auch in der Medizin. Schon in der Antike und im Mittelalter nutzten Heiler Scheinmedikamente. Doch erst mit der Beobachtung des Dr. Beecher beginnt die moderne Placebo- Forschung. Das Verblüffende: Der Effekt beruht nicht auf Einbildung und betrifft nicht nur das Empfinden der Betroffenen. Vielmehr konnten Forscher messbare, neurochemische Veränderungen in Gehirn und Körper nachweisen. Wer sich die eigene Überzeugung zunutze macht, öffnet die Schubladen seiner inneren Apotheke. Grünes Licht für die Selbstheilungskräfte! 

Placebo-Analgesie

Die meisten Forschungsergebnisse liegen zum Einfluss auf die Schmerzempfindung vor. Wird eine angeblich stark wirksame Salbe auf die Haut von Testpersonen aufgetragen, empfinden sie den nachfolgenden Reiz als weniger schmerzhaft. Der Fachbegriff dafür lautet Placebo-Analgesie. Wissenschaftler am Hamburger Universitätsklinikum konnten das sogar sichtbar machen: Auf Kernspinaufnahmen stellten sie eine erhöhte Hirnaktivität in dem Areal fest, das für die Ausschüttung schmerzlindernder Endorphine zuständig ist. Clever: Die körpereigenen Opiate bringen sich also schon bei der Erwartung eines Schmerzreizes in höchste Einsatzbereitschaft.

„Kein besseres Heilmittel gibt es im Leid als eines edlen Freundes Zuspruch“
(Euripides)

Das Paradebeispiel für den Placebo- Effekt liefert der amerikanische Orthopäde Bruce Moseley im Jahr 2002. Für eine Studie teilte er seine Arthrose-Patienten in zwei Gruppen auf. Bei der einen täuschte er die geplante Knieoperation nur vor. Er inszenierte sie jedoch mit allen Einzelheiten, die Patienten konnten während der lokalen Narkose die OP sogar an einem Bildschirm verfolgen. Nur sahen sie nicht ihr eigenes Knie. Der Operateur ritzte die Haut bloß oberflächlich an, setzte eine typische Naht und legte einen Verband an. Das Kniegelenk selbst blieb unangetastet. Das geradezu kuriose Ergebnis: Nach der Heilungsphase äußerten sich die zum Schein operierten Patienten ebenso zufrieden mit der Behandlung wie jene, bei denen der Eingriff tatsächlich stattfand.

Zwei Punkte nennen Experten als entscheidend verantwortlich für den Effekt: Erwartung und Konditionierung. Jeder Patient geht davon aus, dass die Gabe eines Medikamentes deshalb geschieht, um Beschwerden zu lindern oder Krankheiten abheilen zu lassen. Mit dieser Erwartung geht jeder zum Arzt oder ins Krankenhaus. Darüber hinaus tut die Konditionierung, also die wiederholte Erfahrung, dass ein bestimmtes Präparat die erwünschte Wirkung zeigt, ihr Übriges. Bei Babys, denen die Erfahrung fehlt, dass eine Arznei ihnen hilft, und bei Menschen, deren kognitive Fähigkeiten gestört sind, z. B. Alzheimer-Patienten oder schwerst Depressiven, funktioniert das Phänomen daher nicht oder nur deutlich schwächer ausgeprägt. 

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