Liebe & Beziehung

Balance: Beziehungen Der Feind in mir

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Schwierige Menschen? Da fällt uns allen sofort jemand ein. Egoisten, Choleriker, Intriganten, Blender, Neurotiker, Neider, Pessimisten – unangenehme Zeitgenossen, die einiges gemeinsam haben: Jeder Zusammenprall mit ihnen gleicht einem Spießrutenlauf. Deshalb würden wir die­sen Frauen und Männern am liebsten für immer aus dem Weg gehen, können es aber oft nicht, weil sie zur Familie gehören, jeden Tag im Büro nebenan sitzen oder mit Freunden liiert sind. In ihrer Gegenwart tun oder lassen wir regelmäßig Dinge, für die wir uns hinterher ohrfeigen könnten. Wir erkennen uns selbst nicht mehr, fragen uns genervt und fassungslos: Wie konnte es (wieder) so weit kommen? Und warum?
„Gefühle wie Zorn oder Hilflosigkeit und Rachegedanken sind nach einer derar­tigen Begegnung völlig legitim“, sagt Dr. Bärbel Wardetzki, Diplom­-Psychologin und Autorin aus München. „Denn in der Auseinandersetzung mit schwierigen Menschen spüren wir, dass vielleicht bei uns selbst seelisch etwas im Argen liegt. Das ist eine Riesenheraus­forderung, bietet aber auch die Chance, sich zu entwickeln. Wenn wir diese Men­schen nicht verurteilen, sondern stattdes­sen als eine Art Sparringspartner betrach­ten, bleibt bei uns viel weniger zurück.“
Das fällt nach einem miesen Erlebnis schwer. „Natürlich fühlen wir uns danach oft mickrig und verletzt“, sagt Dr. Bärbel Wardetzki. „An unserer Wut richten wir uns wieder auf. Das ist in Ordnung. Es geht auch nicht darum, das Verhalten des ande­ren gutzuheißen. Wir sollten aber ver­suchen, es gedanklich von der Person als Ganzes zu trennen, sie trotz allem zu respektieren. Dieser Mensch ist eigentlich in Not. Er versucht, mit seinem Verhalten ein gravierendes Problem zu lösen.“
 
 

Süchtig nach Bestätigung

Dieses Problem hat einen Namen: Narziss­mus. Damit verbinden wir gedanklich sofort Castingshows mit Fremdschäm­-Garantie, B-­Promis, die ins Dschungelcamp ziehen, unzählige Handyfotos („Selfies“) und ­-videos, die täglich ins Internet gestellt werden, oder Politiker, die jedes Mikro, das ihnen jemand vor die Nase hält, für ausufernde Ergüsse nutzen. Tatsächlich geht der Begriff zurück auf Narziss, in der griechischen Mythologie Sohn des Flussgottes Kephissos und der Nymphe Leiriope, der sich in sein Spiegel­bild an der Wasseroberfläche verliebte. „Wir besitzen alle narzisstische Anteile“, erklärt Dr. Bärbel Wardetzki. „Wir brauchen sie, weil unser Selbstwertgefühl nicht stabil ist. Jeder von uns erlebt mal narzisstische Krisen, zum Beispiel wenn wir zurück­gewiesen werden. Dann stürzt unser Selbstwertgefühl in den Keller, und wir müssen schauen, wie wir es wieder in den ersten Stock bekommen. Je besser uns das gelingt, desto gesünder sind unsere narzisstischen Anteile.“
Schwierige Menschen scheitern daran. „Sie können ihr Selbstwertgefühl nicht aus eigener Kraft regulieren“, erläutert unsere Expertin. „Sie brauchen dafür immer die Bestätigung von außen, dass sie etwas wert sind.“ Um sie zu bekommen, legen sich sogenannte grandiose Narzissten eine beeindruckende makellose Fassade zu und erniedrigen jeden, der daran kratzen oder beliebter werden könnte. Im Gegensatz zu ihnen stellen komplementäre Narzissten nicht sich selbst aufs Podest, sondern ihre Mitmenschen. Sie umgeben sich vermeint­lich mit „den Besten“, um in ihrem Glanz strahlen zu können. „Sie sind wirklich die beste Therapeutin, die ich je hatte“, zitiert Dr. Bärbel Wardetzki eine Klientin und ergänzt: „Das war ich, bis ich ankündigte, bald in Urlaub gehen zu wollen. Solche Idealisierungen sind äußerst instabil.“ Auf einmal ruft uns dann eine Freundin nicht mehr an, will ein Kollege nicht mehr mit uns zusammenarbeiten oder verbreitet eine Nachbarin böse Gerüchte über uns. „Eine Begegnung mit schwierigen, narzisstischen Menschen findet also nie auf Augenhöhe statt“, sagt Dr. Bärbel Wardetzki. „Was wir erleben, ist eine Form von Machtausübung.“ Die läuft in etwa so ab: Damit wir dem Narzissten nicht „zu nah“ kommen, zwingt er uns mit seinem Verhalten in eine Rolle, in der wir ihm nicht gefährlich werden können. Entweder weil wir uns, dank ihm, völlig wertlos oder total großartig fühlen. „Beides führt jedoch auf Dauer dazu, dass wir von dieser Person abhängig werden“, warnt Dr. Bärbel Wardetzki. „Wir verlieren den Kontakt zu uns selbst, einen Teil unserer Identität.“
 
 

Ich-Diebe demaskieren

Je nachdem, wie plump unser Gegenüber unser Ego manipuliert, wehrt sich unsere innere Selbsterhaltung früher oder später. „Dann sind wir oft sehr verletzlich“, sagt die Expertin. „In dieser Phase brauchen wir jemanden, der uns zuhört, einfach da ist und uns ermutigt, wieder die Person zu werden, die wir waren. Das kann der Partner sein oder eine enge Freundin.“ Allerdings sollten wir nicht der Versuchung erliegen, den Ich-Piraten vereint abzukanzeln. „Das nützt nichts“, so Dr. Bärbel Wardetzki. „Wir brauchen ein Gegenüber, das uns sagt: ‚Besinn dich auf dich selbst.‘“ Kehren dann unsere Ich-Kräfte wieder zurück, sollten wir den nächsten Schritt gehen. „Zeigen Sie Grenzen auf“, ermutigt Dr. Bärbel Wardetzki. „Das ist wichtig. Ich kann eben nicht sagen: ‚Du bist ein schlechter Mensch, weil ich mich in deiner Gegenwart schlecht fühle.‘ Die Verantwortung für meine Gefühle liegt allein bei mir.“ Wir übernehmen sie wieder, indem wir schwierige Menschen selbstbewusst, sachlich und wertschätzend in ihre Schranken weisen. „In dem Moment bieten wir Narzissten eine echte Beziehung an“, sagt Dr. Bärbel Wardetzki. „Darin steckt ihre größte Angst, aber auch ihre stärkste Sehnsucht: einmal so gesehen und angenommen werden, wie sie hinter der Fassade wirklich sind. Indem wir auf sie zugehen, zeigen wir ihnen, dass wir keine Bedrohung darstellen. Sie müssen unser Ich nicht länger kapern.“ Ihre Maske fällt, die Machtspielchen sind vorbei.
 
 

Tipps gegen das fremde Ich

Narzissten sind schwierige Menschen – und umgekehrt. „Sie damit zu konfrontieren nach dem Motto ‚Ich weiß, warum du das getan hast‘, funktioniert aber nicht“, sagt Dr. Bärbel Wardetzki. „Dann machen sie sofort dicht.“ Wer ein fremdes Ich abschütteln will, sollte stattdessen ...
 
... KRÄFTE MOBILISIEREN
Schreiben Sie alles auf, was Sie können, positiv an Ihnen ist, welche Erfolge Sie erzielt und welche Niederlagen Sie verarbeitet haben. Zusätzlich zählen Sie alle Mitmenschen auf, die Sie unterstützen. „So richten wir uns innerlich auf“, sagt Wardetzki. „Wir stellen uns quasi hinter uns, werden unser eigener Anwalt.“
 
... BEI SICH BLEIBEN
Das bedeutet: keine Vorwürfe („Du hast ...!“), kein Wutausbruch, keine Rache. „Der beste Weg, um den Konflikt nicht eskalieren zu lassen, ist Sachlichkeit“, rät die Expertin. Zum Beispiel so: „Mir fällt auf, dass Sie meine Mails nicht beantworten. Das ärgert mich, und ich wüsste gern, warum Sie das tun. Haben Sie ein Problem mit mir oder wie soll ich es mir erklären?“
 
... DIALOGBEREIT SEIN
Da ein Kontaktabbruch häufig unmöglich ist, hilft es, den Spieß umzudrehen. Heißt: aktiv den Kontakt zu suchen, sich zu bemühen, schwierige Menschen trotz allem als gleichwertige Partner ernst zu nehmen und zu signalisieren, dass eine gemeinsame konstruktive Lösung trotz allem denkbar wäre.
 
... MITGEFÜHL ÜBEN
Das klappt am besten, wenn wir uns in den Narzissten hineinversetzen. Was fühlt er? Was fehlt ihm? Wie sieht er die Sache? Der Groll lässt nach. „Und Sie können aufhören, dem anderen zu zürnen“, sagt Dr. Bärbel Wardetzki.
 
 
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