Persönlichkeit

Psychologie Die Kraft der Tagträume

Fantasieren und Tagträumen
Sanft und gleichmässig spielen die Wellen mit den winzigen Kieseln. Das kribbelt angenehm an den Füßen, die ein türkisfarbenes lauwarmes Meer umspült. Die untergehende Sonne malt eine goldene Straße aufs Wasser. Im Hintergrund rauschen die Palmen im Wind, der Musik von der Poolbar herüberträgt – und ein schrilles Klingeln. Moment, wieso bimmelt das Hoteltelefon genauso wie der Apparat im Wohnzimmer? Aus der Traum. Natürlich haben wir den Schreibtisch keine Sekunde verlassen. Und auf dem Computerbildschirm blinkt der Cursor immer noch an der gleichen Stelle. „Einkünfte aus nicht selbstständiger Arbeit“, lautet die Überschrift. „Jetzt reiß dich mal zusammen“, maßregeln wir uns selbst, „sonst wird das nie was mit der Steuer­erklärung!“ Für Sekundenbruchteile fühlen wir uns ertappt wie in der Schule, wo uns der Mathelehrer mit schroffen Worten aus noch ganz anderen Tagträumen riss.
Dabei bräuchten wir gar kein schlechtes Gewissen zu haben. Im Gegenteil. „Tag­träume sind immens wichtig“, stellt der Weinheimer Psychologe und Buchautor Heiko Ernst klar („Innenwelten“, Klett­ Cotta, 239 Seiten; vergriffen, aber im Inter­net neu zu haben für ca. 11 Euro). „Vor allem Kinder müssen Abstand von der Umwelt nehmen dürfen. Davon hängt zum großen Teil ab, wie gut sie mit ihren Gefühlen umgehen und sich selbst steuern können.“ Doch gerade in diesem Punkt lernen wir eigentlich nie aus. Insofern dürfen wir auch im Erwachsenenalter tagträumen. Ein Stück weit müssen wir es sogar. „Als ich 2011 mein Buch schrieb, hatten Tag­träume in der Forschung noch ein ziemlich schlechtes Image“, erzählt Heiko Ernst. „Das hat sich sehr geändert. Heute werden diese vermeintlichen Ruhezeiten des Gehirns in einem neuen Licht gesehen.“ Denn während wir uns eine Auszeit gön­nen, vollbringt unser Denkorgan wahre Höchstleistungen.
 

Ausklinken erlaubt

Von außen betrachtet – und ohne Hirn­scanner war jahrzehntelang kein anderer Ansatz möglich – lässt sich das kaum erkennen: Mit leerem Blick fixiert der Tagträumer irgendeinen Punkt jenseits des Horizonts und lächelt versonnen. Und das in Zeiten wie diesen! Kein Wunder, dass dahinter schnell Langeweile, Desinteresse, Faulheit, Egoismus oder sogar Anzeichen von Überforderung vermutet werden. Langeweile stimmt, belegen Studien. Der Rest gehört in die Vorurteile­-Schublade. „Tagträume stellen eine normale Funktion unseres Gehirns dar“, sagt Prof. Thomas Kretschmar, Leiter des Mind Institute in Berlin („Die Kraft der inneren Bilder nutzen“, Südwest, 223 Seiten, 16,99 Euro). „Es ist zwecklos, sich dagegen zu wehren.“ Und auf Dauer sogar ungesund. „Ununterbrochen konzentriert zu sein ist gar nicht möglich und auch nicht nötig“, erklärt Heiko Ernst. „Etwa alle 20 Minuten sucht und nimmt sich unser Gehirn eine Auszeit. Tauchen Tagträume öfter auf, ist das ein klares Signal, dass wir uns in letzter Zeit zu viel zugemutet haben.“ Dabei böten sich im Alltag mehr als genug Möglichkeiten, auf Fantasiereise zu gehen, z. B. auf einer langen Bahnfahrt, während wir auf den Bus warten, in der Mittagspause auf der Parkbank oder bei einem Spaziergang. „Stattdessen starren heutzutage immer mehr Leute in solchen Momenten auf einen kleinen Bildschirm“, kritisiert Heiko Ernst. Smartphones und Tablets deckten uns rund um die Uhr mit News, Fotos und Filmchen ein. „Aber diese äußeren Bilder schalten unsere inneren sofort aus.“
Wohin das im Extremfall führen kann, erlebt Prof. Thomas Kretschmar häufig bei Burn-out-Patienten, die zu ihm in die Praxis kommen. „Sie sind bedingungslose Erwartungserfüller“, erklärt der Fachmann. „Sie haben regelrecht Angst vor dem, was vielleicht ‚hochkommt‘, wenn sie mal nicht möglichst viel für andere leisten.“ Nicht nur Tagträume, die gesamte Selbstwahrnehmung werde deshalb gedeckelt. „Jede innere Stimme drängen sie in den Hintergrund“, so Prof. Kretschmar. „In vielen Kliniken dürfen Burn-out-Patienten daher erst mal nichts anderes tun als schlafen, Gymnastik, Psychotherapie, essen und spazieren gehen.“ Sie sollen den Zugang zu sich selbst wiederfinden. Den verlieren wir gar nicht erst, wenn wir uns (wieder) Zeit für unsere Tagträume nehmen. „Wir sollten ihnen den gleichen Wert beimessen wie den nächtlichen Träumen“, rät Heiko Ernst. „Zum Beispiel, indem wir ein Tagtraumtagebuch führen.“ Dann offenbaren sich Muster, wiederkehrende Orte, Personen und Gefühle. Wir erkennen, ob wir stets in oder nach bestimmten Situationen tagträumen. „So kommen wir uns selbst auf die Spur“, ermutigt der Experte. „Tagträume verraten uns, was uns fehlt und beschäftigt. Sie laden uns ein, über uns nachzudenken und darüber, wie wir die Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit schließen können, die sie uns zeigen.“ Lässt uns ein Tagtraum zum Beispiel mit dem Gefühl zurück: „Das schaffe ich nicht allein!“, sollten wir den Mut aufbringen, ihn mit anderen zu teilen, etwa mit dem Partner oder einer guten Freundin. „Nicht selten stellt sich dann heraus, dass Menschen, die uns nahestehen, von ähnlichen Dingen tagträumen“, sagt Heiko Ernst. „Daraus kann sich eine gemeinsame Vision entwickeln – ein großes Glück.“
 

Heilendes Rollenspiel

Der Tagtraum hält uns also auf Kurs. Oder er übernimmt das Steuer, wenn wir davon abkommen. Er rüttelt uns auf, erinnert uns daran, wozu wir in der Lage sind, motiviert. Doch er lenkt unseren inneren Blick auch regelmäßig in die Vergangenheit. Vor allem dann, wenn wir mit ihr hadern, sie (noch) nicht loslassen können oder wollen. „Dann wirkt der Tagtraum wie ein Rückzugsort“, sagt Heiko Ernst. „Er spendet uns Trost, beruhigt und hilft dem Gehirn, das Erlebte zu bearbeiten und einzuordnen.“ Die barsche Verkäuferin z. B. können wir im Tagtraum kurzerhand mit Senf übergießen. Das holprige erste Gespräch mit dem neuen Abteilungsleiter verläuft hinterher in unserem Kopfkino reibungslos. Den bissigen Kommentar der Nachbarin kontern wir in unserer Fantasie wortgewandt und selbstbewusst. „Gestatten wir uns solche Absencen nicht mehr, fehlt uns die innere Kompensation, und wir können gefühlsmäßig schlechter auf Abstand zu den Dingen gehen, die uns widerfahren“, warnt Heiko Ernst. Der Tagtraum macht sie für uns peu à peu erträglicher.
„Und in jedem belastenden Gefühl steckt auch die Lösung des Problems“, sagt Prof. Thomas Kretschmar. „Erst kürzlich war eine Klientin bei mir, die sehr wütend auf ihre Chefin war, mit der sie auch befreundet ist.“ Er bat die Patientin, die Augen zu schließen, sich zu entspannen und dann im Tagtraum in die Rolle der Chefin zu schlüpfen. „Ich fragte sie: Wie fühlt sich das an? Was brauchen Sie?“, erzählt der Psychologe. „So konnte die Frau einfühlsame Anteile in sich freilegen. Am Ende des Tagtraums schenkte sie ihrer Chefin und Freundin eine Sonne, ein Glückssymbol. Sie machte eine neue Beziehungserfahrung, die ihr zukünftiges Verhalten auf jeden Fall beeinflussen wird.“
Nicht immer geht es so gut aus. Negative Tagträume locken uns manchmal auch in eine Grübelfalle. Das Gehirn montiert bestimmte Bilder zu einer Endlosschleife. Und mit jeder Wiederholung schwillt das „Problem“ weiter an. Dann wird es Zeit, am Gedankenkarussell die Bremse zu ziehen. „Mit etwas Übung kann ich zum Beispiel schöne oder lustige Tagtraumbilder dagegensetzen“, rät Heiko Ernst. Doch weitaus öfter schenken uns Tagträume einfach eine gute (Aus-)Zeit. Sie wirken wie eine Pause-Taste im Alltag. „Sie können etwas bedeuten, müssen aber nicht“, sagt Heiko Ernst. „Viele Tagträume genügen sich selbst. Wir sollten sie genießen wie einen Kurzurlaub.“
 
 
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