Natur

Freundschaft Hallo, Frau Nachbarin

Wer nebenan wohnt, ist für uns wichtig. Gemeinsam lässt sich vieles leichter und besser verwirklichen. Es entsteht eine neue Nähe, die uns guttut.
Freundin in der Nachbarschaft
  

Es ist ein merkwürdiges Bild: 30 Erwachsene stehen Hand in Hand in einem großen Speisesaal und schweigen. Minutenland. "Morgenkreis" nennen Sie das hier im Tempelhof, einem kleinem Dorf auf halbem Weg zwischen Stuttgart und Nürnberg. Auf die Stille folgen kurze Wortmeldungen: Wer fährt mit nach Dinkelsbühl? Vergangene Nacht ist im Stall eine kleine Ziege geboren worden. Jemand braucht gleich Hilfe bei der Wasserinstallation. Wen Sorgen plagen, kommt heute Abend in den Yoga-Raum.

Tempelhof wirkt wie ein Experiment. 20 Pioniere aus München und Umgebung haben es drei Jahre lang geplant, die Stiftung Tempelhof gegründet und schließlich, am 21. Dezember 2010, das Dorf gekauft. Die Genossenschaft Tempelhof verwaltet seitdem das 31 Hektar große Areal. Der Verein „Tempelhof e. V.“ kümmert sich um soziale Projekte und Veranstaltungen. Gäste sind jederzeit willkommen. Tempelhof ist keine Sekte, keine Untergrundorganisation, die sich abschottet. Im Gegenteil. 85 Erwachsene und 25 Kinder leben inzwischen hier und verwirklichen ihre Vision eines ökologischen, sozial gerechten und sinnerfüllten Lebens – eine neue Form von Nachbarschaft (Infos: www.schloss-tempelhof.de, Telefon 07957/923 90 30).
 

Lieber Nähe statt Anonymität

 
Nicht jeden wird Tempelhof reizen. Zu viel Nähe, zu wenig Privatsphäre. Gleichwohl beobachten Forscher wie die Soziologin Romy Reimer von der Universität Paderborn eine erstaunliche Veränderung: Galten die Deutschen jahrzehntelang als Volk, das seine Gärten durch meterhohe Zäune abschottet und die Fenster mit blickdichten Gardinen verhängt, ist in vielen Vierteln heute große Offenheit zu spüren. Bunte Straßenfeste werden organisiert und gefeiert, Innenhöfe verschönert, Spielplätze modernisiert oder ganze Wohnprojekte realisiert, in denen Alt und Jung, Familien und Singles, Behinderte und Nichtbehinderte zusammenleben wollen.
Auch dabei sein?

Unter www.netzwerk-nachbarschaft.net (Telefon: 0 40/480 65 00) finden Sie zahlreiche Tipps und Infos.

 
„Nachbarschaft wird heute aktiv und bewusst gestaltet“, sagt Romy Reimer, die selbst auch gern mit Freunden ein Wohnprojekt aufbauen würde. „Immer mehr Menschen erkennen, dass sich so gemeinsame Bedürfnisse leichter realisieren und absichern lassen.“ Jede Familie im Haus sucht nicht länger für sich allein nach einem Babysitter, sondern organisiert die Kinderbetreuung gemeinsam. Alte Menschen vereinsamen nicht, sondern können sich darauf verlassen, dass sich jemand um sie kümmert. Berufstätige im Viertel fahren nicht mehr allein zur Arbeit, sondern gründen Fahrgemeinschaen oder teilen sich Autos. Nicht jeder sucht für sich den günstigsten Stromanbieter, sondern gemeinsam wird in eine Fotovoltaikanlage investiert. Wo vorher Einzelkampf-Mentalität herrschte, entfaltet sich eine enorme Kreativität.
 

 

 
 
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Schlagworte
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Autor
Stephan Hillig